" Thitz erfasst in seinen Gemälden die schreiend bunte, reizüberflutete Welt der "Megacities" von heute. Menschen werden in den Straßenschluchten mitgerissen vom Tempo des Verkehrs, leben isoliert zurückgezogen in Fensterhöhlen oder heben förmlich ab in trotziger Selbstbehauptung. Die Atmosphäre wird überlagert durch ein Gewirr von Botschaften und Zeichen, die im "Cyberspace" umherschwirren und die gnadenlose Beschleunigung des Lebens und der Kommunikation nochmals verstärken. In dieser Welt eines unüberschaubaren, simultanen Geschehens ist ein direkter Dialog und ein Miteinander von Menschen nicht mehr auszumachen. Die hier und da anklingende Traurigkeit oder Einsamkeit von Menschen wird jedoch überwunden durch hoffnungsfrohe Parolen, die ebenso traditionelle Werte in Erinnerung rufen, als auch ökologisches Bewusstsein einfordern. Die Apokalypse birgt die positive Vision neuer Chancen: „The future is now"
"Im Rahmen der Ausstellung veranstaltet Thitz, wie schon in zahlreichen Städten des In- und Auslandes, ein interaktives Tütenprojekt:
5000 Papiertüten wurden an Bürger und insbesondere auch an Schüler der Stadt verteilt, mit der Aufforderung, diese zum Thema "Stadt" persönlich zu gestalten oder mit entsprechenden Gegenständen zu füllen. Nach dem Motto: "Wir bauen unsere Stadt aus Tüten" - wurden die von den Bürgern zurückkommenden Tüten zu einer großen Rauminstallation in der Orangerie des Schlosses Georgium angeordnet. Das Publikum schafft somit gemeinsam mit dem Künstler eine große "soziale Plastik". Zur Teilnahme an diesem Projekt war jedermann eingeladen."
Direktor Herr Dr. Norbert Michels, (Website Anhaltische Gemäldegalerie Dessau. )
Der Text wurde veröffentlicht im Katalogbuch "Gemalte Städte" , erschienen anlässlich der THITZ Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.
"Gemalte Städte"
Paris – London – New York – Hongkong ...
Thitz vereint in seiner neuen Serie „Gemalte Städte” die großen Metropolen der Welt. Der Betrachter findet sich schnell zurecht, denn Thitz wählt für jede Stadt eine überaus typische Ansicht. Man erkennt den Eiffelturm, die Wolkenkratzer von Manhattan, die berühmte Oper von Sydney oder die mit grellen Werbetafeln überwucherten Straßen von Hongkong. Thitz spielt mit Erinnerungen und Klischees, die in unserem Bildgedächtnis abgespeichert sind, auch wenn wir die Orte selbst noch nie besucht haben. Doch die Freude über die Identifizierung der Stadt weicht ebenso schnell einer Irritation: Es scheint sich nicht wirklich um die Welt zu handeln, wie wir sie kennen. Hier mogelt Thitz ein Fantasiehaus hinzu, dort bekommt ein Gebäude ein neues, extravagantes Dach. Papiertüten, Menschen, Farbtuben und Kunstwerke segeln in aller Seelenruhe über die Städte hinweg und die Schatten der Vorhalle des Pariser Panthéon haben ein geheimnisvolles Eigenleben ... Diese Städte tun nur so, als wären sie die uns bekannten. In Wirklichkeit hat sich Thitz eine neue, ganz eigene Welt geschaffen: die Thitz-Welt - ein wundersamer und fantastischer Kosmos.
Seine Städte sind moderne Schönheiten: schön groß, laut, grell, dynamisch und pulsierend, zugebaut mit bunten Hochhäusern, angefüllt mit Autos, Menschen, schillernden Schaufenstern und Werbeplakaten. Thitz schildert sie voller Begeisterung für die moderne Großstadt. Nicht die eigentliche Stadtansicht ist es, die ihn interessiert, sondern der Eindruck, den eine Stadt hinterlässt – darzustellen was in Paris oder London auf uns einströmt, zu erzählen, was die Städte interessant und zugleich überbordend und anstrengend macht.
„Wenn man Großstädte wirklich malen will, darf man nicht eine ausgedachte Stadt darstellen, sondern man muss versuchen, das empfundene Erlebnis an sich zu malen, mit allen Geräuschen, Krach, Staub und Gerüchen. In eine Sekunde Stadt passt unendlich viel Information – diese Stadt meine ich, das sind
meine inneren Bilder – die Bilder dieser Ausstellung.“
Grundlage der früheren Stadtbilder von Thitz waren häufig Fotografien: großformatige Reproduktionen, auf denen er durch Übermalung und Collage neue Städte erschuf. Die Manipulation der Realität mit den Mitteln der Kunst wurde auf diese Weise besonders deutlich. In der Großstadtserie der Karlsruher Ausstellung hat sich Thitz von dieser Übermalungstechnik gelöst. Die Realität bleibt zwar sein Ausgangspunkt, doch sie ist wesentlich stärker als vorher seinem künstlerischen Wollen unterworfen. Die selbstgeschaffene Freiheit eröffnet ihm nun größere Möglichkeiten, mit Perspektive und Komposition zu spielen und seinen Bildern eine neue Dynamik und Bildtiefe zu verleihen. Auch die Malweise hat sich gewandelt. Thitz greift auf seine frühere Aquarelltechnik zurück und baut seine Bilder nun Schicht um Schicht aus transparent-bewegten Farblasuren auf. Lebendig und nervös wirkt darauf die Tuschezeichnung, die die gesamte Bildfläche überzieht und Formen und Motive klarer definiert, ohne sie in der Art einer geschlossenen Outline zu umgrenzen. Feine Liniengespinste aus kleinsten Details ziehen den Blick bis in die entfernteste Bildtiefe.
Ganz im Sinne eines „Künstler-Schöpfers“ wird diese neu geschaffene Welt mit eigenen Kreaturen bevölkert. Die toten Häusermeere und die verschlossenen Fassaden der Wolkenkratzer werden im wahrsten Sinne des Wortes „be-lebt“. Witzige, bunte Figuren laufen eilig auf den Straßen umher, blicken verstohlen aus den Fenstern oder winken einander und dem Bildbetrachter freundlich zu. Die Menschen sind untrennbarer Teil der Stadt. Einige Figuren bilden gar mit der Fassade, die sie bewohnen oder dem Straßenasphalt, auf dem sie sich ausbreiten, eine Art homogene Einheit. Andere wachsen zu Riesen heran, strecken ihre spindeldürren Arme über Straßenzüge hinweg aus oder umarmen ganze Wolkenkratzer. Solche großen Menschen werden sogar von anderen, kleineren bewohnt, denn schließlich – so erklärt Thitz – müsse es ja auch zu etwas nutze sein, wenn man so groß ist!
Mit wenigen Strichen gezeichnet, bleiben die Thitz-Figuren merkwürdig unindividuell. Thitz hält sie bewusst offen für eigene Assoziationen: Erst der Betrachter soll sie zum Leben erwecken, indem er die Gesichter mit eigenen Bekanntschaften und Begegnungen vergleicht. Und wie im realen Leben gibt es auch Brüche in dieser heiteren Welt. Nicht alle scheinen an dem bunten Treiben teilhaben zu können. Manche blicken traurig und sehnsüchtig, als wären sie eingeschlossen in den riesigen Häusern, zur Einsamkeit verdammt, während sich draußen die interessantesten Dinge abspielen. Der Großstadtdschungel hat auch bei Thitz seine Schattenseiten.
Doch seine Bilder bleiben fröhlich und voll positiver Stimmung. Das bunte Treiben der Städte bleibt für Thitz „wichtigste Nährquelle für Phantasie“. Denn wenn man nur genau hinsehe auf den Straßen und Plätzen der Großstädte, dann könne man überall diese „geheimen Dinge“ erkennen, das geheime Leben, das sich hinter unserer sichtbaren Welt verberge ... Das zu offenbaren, sei eines seiner Ziele und tatsächlich schaffen es diese Bilder, unsere Wahrnehmung zu beeinflussen! Nach einiger Zeit der Beschäftigung mit seiner Malerei ist es schwierig, eine Stadtansicht zu betrachten oder gar in einem Straßencafé zu sitzen, ohne an der nächsten Straßenecke, hinter dem Fenster gegenüber oder in einem Fleck im Straßenasphalt seine Thitz-Figuren zu entdecken ... Thitz selbst beschreibt diesen Zugewinn für unsere Sehgewohnheiten folgendermaßen:
„Man erkennt zunächst die Stadt und die Figuren – erst dann kommt das Wichtigste: Das Entdecken! Wie in der realen Stadt können wir den Blick schweifen lassen, auf Details fokussieren. In den Bildern sind unzählige Geheimnisse versteckt. Unwillkürlich beginnen wir, danach zu suchen. (...) Es macht mir Spaß, in den Bildern Dinge so gut zu verstecken, dass es in einem Jahr noch etwas zu entdecken gibt, worüber man lachen oder nachdenken kann. Eine Entdeckung, die wir selbst für uns machen, geht tiefer als jeder gewollte Hinweis und jede Erklärung. Vielleicht entdeckt man ja dann auf der „wirklichen“ Straße auch kleine Geheimnisse und freut sich über das unerwartete Geschenk.“
Die Augen geöffnet für derlei „kleine Dinge“ habe ihm seine Tochter Lucy. Mit einem Kind an der Seite war es dem Künstler plötzlich erlaubt, sich dieser neuen Sicht der Welt zu widmen. Ihre Geburt wird deshalb in allen seinen Biografien erwähnt und sie selbst, wie auch seine Frau Katharina Trost, ist Teil seiner Bilderwelt. Dass es tatsächlich um persönliche Fantasien geht, das zeigen uns die vielen Selbstdarstellungen in seinen Bildern. Immer wieder mischt er sich unter „sein Volk“, schlendert mit einem roten und einem gelben Schuh geschäftig durch die Straßen oder vollendet - mit Pinsel und Palette in der Hand - noch schnell das Bild, in dem er auftritt.
So erzählen seine Stadtbilder von seinen Reisen. Für Thitz ist das Reisen durch die Welt wesentlicher Bestandteil und auch Thema seiner Malerei. Seine Reisen führten ihn in den letzten Jahren unter anderem durch Marokko, Island, Italien, in die Türkei, nach Norwegen, Schweden, Ecuador, Mexiko, Guatemala, Indien, Nepal und nach Südafrika. Damit stellt sich Thitz zunächst in eine kunsthistorische Tradition. Immer wieder reisten Künstler, etwa um Werke der Antike kennen zu lernen, um neue Impulse durch außereuropäische Kulturen zu erhalten oder auf der Suche nach Einsamkeit und Entfaltung in unberührter Natur.
Auch für Thitz bedeutet das Reisen zweifelsohne Inspiration. Zeugnisse für seine Begegnung mit der Fremde sind die vielen Aquarelle, die unmittelbar vor Ort entstehen. Doch er ist - wenn man so will - der „Reisende des 21. Jahrhunderts“. Wir leben in einer Zeit, in der Reisen immer alltäglicher geworden sind. Man kann zu einer Strandparty mühelos nach Mallorca oder zu einer Ausstellung nach New York fliegen. „Die Welt rückt zusammen“ – diese Vorstellung der modernen Gesellschaft setzt Thitz in seinen Bildern um. Denn in der Thitz-Welt ist es selbstverständlich möglich, mit dem Taxi von New York nach London zu gelangen ...
An die technischen Möglichkeiten unserer Zeit knüpft Thitz gesellschaftliche Ideale. Reisen bedeutet Kommunikation und Austausch mit Menschen, ein Dialog mit fremden Kulturen. Er nutzt das Gewimmel der Großstädte, um uns seine friedliche und vor allem kommunikative Version einer globalisierten Welt vorzuführen. Braune, rote, grüne oder blaue Menschen, manche ganz klein, andere riesengroß, wieder andere mit Blättern bewachsen ... leben hier harmonisch und friedlich beisammen. Mit ihren großen Augen verraten sie Neugierde und Interesse an den anderen Bewohnern der Stadt. Ständig auf der Suche nach Kontakt strecken sie ihre langen Arme einladend und forschend nach ihrem Gegenüber aus. Es gibt medusenartige Figuren, aus deren Köpfen 6 oder mehr Arme und Hände wachsen, als ob sie allein mit ihren Gedanken und mit ihrer Kreativität in das Geschehen der Stadt eingreifen könnten.
Diese gesellschaftlichen Ideale finden ihre Entsprechung in den künstlerischen Mittel der Malerei von Thitz: Poppig, grell bunt und heiter kommen seine Bilder daher und laden freundlich zum Schauen ein. Die Bewohner der Thitz-Städte stammen aus der Comic-Welt, einem Medium der allumfassenden Popkultur, das auch dem nicht kunsterfahrenen Betrachter vertraut ist - und zwar vertraut als unterhaltsam, lustig und allgemeinverständlich. Auch die allgegenwärtigen Schriftzüge und schriftlichen Kommentare im Bild geben erste Anstöße zur Auseinandersetzung. Keine Barriere aus kunstwissenschaftlicher Theorie oder Erfordernisse an eine kunsthistorische Vorbildung verstellen hier den unmittelbaren Kontakt zum Betrachter. Thitz macht uns den Einstieg in eine Kommunikation mit ihm leicht.
Tütenkunst
Thitz, der Tütenkünstler - Thitz und die Tüte. Das ist in den letzten Jahren untrennbar miteinander verbunden. Auch seine neuen Städtebilder sind ihrem Wesen nach Collagen – Collagen aus Realität und Fiktion. Die Realität wird dabei nicht nur durch die Fotografie vertreten, sondern eben auch durch die Papiertüte.
Die Tüte ist zunächst ein banaler, praktischer Gegenstand der Alltagskultur. Aber auf diese Weise ist sie eben auch ein Kulturgegenstand. Sie erzählt mit bunten Bildern und häufig prägnanter Aufschrift etwas über die Kultur, aus der sie kommt - über den Besitzer der Tüte, über seinen sozialen Status, seine Interessen oder über ihren eigenen möglichen Inhalt. Sie ist modernes Massenprodukt, Symbol der Konsumwelt und auch eines ihrer Medien: Werbeträger und modisches Accessoire. Insofern ist sie zum modernen Kommunikationsmittel geworden und passt damit hervorragend in die Thitz-Welt. Denn Tüten werden auch an fremde Orte getragen, um dort von fernen Ländern und Kulturen zu erzählen.
Den Anfang seiner Tütengeschichte packt Thitz in eine schöne Anekdote, und auch sie beginnt auf einer Reise: In Indien habe ihm eine Gemüsefrau einige ihrer Obsttüten geschenkt, damit der junge Künstler wenigstens etwas zum Zeichnen habe - eine Rettung, die sofort die Kreativität dieses jungen Künstlers herausfordert. Seitdem entstehen bemalte Tüten. Thitz versteht die ursprüngliche Botschaft der Tragetasche als Frage und Aufforderung, die folglich mit einer künstlerischen Antwort versehen werden muss - mal ironischer, mal bissiger Kommentar, mal verschwindet dieser Gestaltungsimpuls aber auch vollständig unter einem neuen Bild.
Von seinen Reisen bringt Thitz immer wieder Tüten mit. Eine Vielzahl an Tüten lagert in seinem Atelier, fein säuberlich sortiert nach Ländern und Kontinenten. Wie ein Souvenir trägt er mit der Tüte ein Stück Realität fremder Orte mit zu sich nach Hause, das er dann in seine Gemälde einfügen kann. In seinen Bildern stecken damit tatsächlich kleine Wirklichkeitsschnipsel der dargestellten Städte. Durch Übermalung nutzt er Bild- und Textfragmente dieser Tüten für seine augenzwinkernden, häufig skurrilen Anmerkungen. Auch damit verweist Thitz schließlich auf unsere Wahrnehmung: Es gilt, die Botschaften unserer bunten Konsumwelt bewusst wahrzunehmen und ihrer Banalität mit eigenen, kreativen und nicht immer allzu ernsten Gedanken zu begegnen.
Anja Wenn
(Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Abt. Museumspädagogik und Öffentlichkeitsarbeit)
Rede am 25. September 2024 in der Galerie der Stadt Wendlingen am Neckar zur Eröffnumng der Thitz Ausstellung.
Florian Stegmaier
Sie kennen sicherlich die Überlegung, derzufolge Kunstschaffende die Seismografen der Gesellschaft seien. Das ist einBild, das fraglos viel für sich hat. Nehmen wir aber dieses
Sprachbild einmal ganz ernst, dann können wir festhalten, dass die Nadel des Seismografen erst dann zu zeichnenbeginnt, wenn die Erde bereits bebt, wenn die Katastrophe bereits ihren Lauf nimmt. Und wir können bemerken, dass Seismografen zwar sehr gut darin sind,
Erschütterungen zu verzeichnen, aber keinerlei Perspektiven aufzeigen, was nach dem Beben kommen soll, wie der Wiederaufbau gelingen kann, geschweige denn, wie die Katastrophe
hätte verhindert werden können.
Wenn wir uns nun der Kunst von Thitz zuwenden, dann sehen wir, dass hier die Metapher
vom Künstler als Seismografen nicht ausreicht. Keine Frage: Thitz ist dran am Puls der Zeit, er kennt die drängenden Fragen und die Probleme unserer Gegenwart. Zumal seine Tütenkunst nicht nur global und die menschenverbindend konzipiert ist, sondern ihren
ideellen Gehalt auch ganz konkret entfaltet, indem sie ihren Schöpfer selbst weltweit auf
Achse hält und mit den unterschiedlichsten Menschen, Kulturen, Städten und Landschaften in Austausch bringt. Ebenso mit den Wünschen und Träumen der Menschen, die überall auf der Welt im Grunde dieselben sind, und auf eine gute, eine lebenswerte Zukunft zielen.
Mit Tüten geht Thitz schon seit Mitte der 1980er-Jahre künstlerisch um. Als seine ersten Tütenbilder entstehen, ist er noch Student bei K. R. H. Sonderborg an der Stuttgarter Kunstakademie. Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts erlebt seine Tütenkunst den
unaufhaltsamen Durchbruch, auch international. Thitz beginnt damit, an seinen jeweiligen AusstellungsortenTütenrohlinge in Umlauf zu bringen. Er bittet die Menschen vor Ort darum, diese Tüten mit ihren Gedanken, Hoffnungen und Ideen zu füllen. Stets ist der Rücklauf
überwältigend. Auch hier in der Galerie können wir eine Installation mit Tüten sehen, die von Menschen aus Wendlingen und der Umgebung gestaltet und mit ihren individuellen Ideen
versehen wurden.
Ideen – das ist das Stichwort: Thitz stellt Ideen aus. Seine Kunst macht Utopien sichtbar. Und sie fordert uns als Betrachter dazu auf, zu entdecken. Auf Entdeckung zu gehen in den
Bildern. Tüten tragen nicht nur als ein gut zu verarbeitender Malgrund zur Materialität der Bilder bei, sie füllen sichästhetisch auch immer mit denkbarem Inhalt. Indem Thitz Utopien
vor Augen stellt, eröffnet er neue Denkräume. Die vermeintlich unüberbrückbare Distanz, die zunächst zwischen Utopie und Realität zu liegen scheint, schrumpft zusammen und rückt die Utopie in den Bereich des Machbaren.
Plötzlich scheint dann alles so einfach: Bilder einer städtischen Zivilisation, die Natur nicht verdrängt odervernichtet, sondern sich einfügt, sich organisch verbindet. Und wir beginnen zu begreifen: die Konflikte zwischen menschlicher Zivilisation und natürlicher Ordnung
mögen vielfältig sein. Sie haben aber viel damit zu tun, dass zumindest der westliche Mensch die Kategorien „Zivilisation“ und „Natur“ als Gegensätze, als Antagonisten denkt, die gar
nicht anders können, als rivalisierend gegeneinander anzutreten. Solche festgefahrenen
Denkmuster hebelt die Kunst von Thitz ganz gezielt aus. Er stellt uns mit seinen Werken ein anderes Modell vor Augen. Er zeigt uns Bilder einer Welt, in der nicht die Gegensätze,
sondern die respektvolle, organische Verbindung den Grund des Miteinanders ausmachen.
Und das ist keineswegs aus der Luft gegriffen. Denn seine gemalten Stadt- und Lebenswelten knüpfen an ganzkonkreten Gegebenheiten an. Thitz führt uns etwa mit einem Landschaftsbild nach Island. Und wenn wir da im isländischen Grün des Bildvordergrunds aufmerksam umherschauen, dann begegnen uns auch ein paar isländische Elfen. Sie wissen ja sicher, dass die Isländer ganz praktisch mit ihren Elfen zusammenleben, ihnen sogar Hausnummern
zuweisen, wenn sie z. B. an einem bestimmten Felsen als wohnhaft vermutet werden.
Wir lächeln mitunter über so etwas. Aber selbst wenn wir nicht an Elfen glauben, dann weist uns doch die Vorstellung von solchen hilfreichen Naturgeistern unweigerlich auf den schwer zu leugnenden Umstand hin, dass im ökologischen System, im komplexen Regelkreislauf der Natur eine kaum zu unterschätzenden Intelligenz wirksam tätig ist. Und so kann man sich im Gegenüber mit Thitz` Islandbild durchaus fragen, ob es nicht ratsam wäre, zum beiderseitigen Wohlergehen mit dieser Natur-Intelligenz zu kooperieren, anstatt das menschengemachte
Projekt der Zivilisation als zerstörerischen Raubbau weiter voranzutreiben.
Ein anderer konkreter Anknüpfungspunkt für Thitz` künstlerische Utopien ist Venedig. Als Sehnsuchtsort übt dieLagunenstadt auf den Künstler eine große Faszination aus. Bekanntlich ist Venedig von den Fluten bedroht. VonWassermassen wie von Touristenströmen. Zudem ist Venedig selbst eine auf Millionen von Holzpfählen verwirklichte Utopie.
In der Kunst von Thitz wird Venedig zur doppelten Reflexionsfigur. Die Stadt gewordenen Utopie – wie sie heute noch dasteht – ist von Untergangsszenarien bedroht. Sie sieht also
einer düsteren, einer dystopischen Zukunft entgegen. Aber diesen Gegensatz von Utopie und Dystopie hebt Thitz in seiner Kunst auf, indem er für das dystopische Szenario des
Untergangs eine hoffnungsvolle utopische Lösung findet. Konkret sieht das dann so aus: Venedig als funktionierende und faszinierende Unterwasserstadt. Eine vollkommen neue Attraktion. Oder, wie Sie es im ersten Obergeschoss sehenkönnen: ein Venedig, in dem die Touristenströme wohlgeordnet und in überschaubarerer Menge quasi eingetütet sich in Bewunderung der Stadt auf dem blauklaren Wasser treiben lassen.
Doch bei Thitz sind nicht nur die Städte und die Natur bewohnt, die Dinge selbst erscheinen wesenhaft und lebendig. Was uns in seinen Bildern zunächst aus der Distanz als kompakter Organismus vor Augen tritt, das entpuppt sich beim genaueren Hinsehen als
hochdynamisches, rhythmisch pulsierendes Geflecht von ornamentalem und figurativem
Eigenleben. Ein Geflecht, das uns in seinem Reichtum, in seiner Detailfülle in den Bann zieht, manchmal fast schon überfordert, auch überwältigt. Ein Geflecht, das auch den Rahmen sprengt, ganz wörtlich, indem es nämlich in den Griffen und Schlaufen der bemalten Tüten
noch außerhalb des Bildformats weiter zu vibrieren scheint.
Dieses figurative und ornamentale Gewimmel bildet nicht nur die Substanz, aus denen sich ganze Stadtlandschaften undgroßdimensionierte architektonische Gebilde erheben, auch die
Natur selbst entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als die Summe vieler solcher individueller einzelner Akteure. Das ist auch im Fall des Matterhorns so. Wer nahe genug an das Bergbild
herantritt, kann sehen, wie die prominente alpine Kulisse kippt. Wie die vertraute Silhouette, die felsige Bergwand sich auflöst zugunsten einer zeichnerischen Fülle von Einzelaktionen, die in ihrer Gesamtheit das erst bilden, was sie zusammen bewohnen.
In diesem Fall eben das Matterhorn – wie Venedig ebenfalls ein Sehnsuchtsort. Und übrigens ist ja bekannt, dass ein Teil des Gesteins, aus dem das Matterhorn gebildet ist, tatsächlich afrikanischen Ursprungs ist. Das heißt, dass diesermarkanteste aller Alpengipfel, der noch in jedem Stück Toblerone seine ikonische Auferstehung feiert, tatsächlich ein Import aus
südlichen Gefilden ist. Und ich könnte mir gut vorstellen, dass es einem kosmopolitischen Künstler wie Thitz ganz gut gefällt, dass die weltumspannenden Kräfte der Tektonik vor geraumen Zeiten einen gewaltigen Splitter Afrika in die Walliser Alpen gehoben haben.
Das Stichwort „weltumspannend“ möchte ich nutzen, um Ihre Aufmerksamkeit auch auf die Aquarelle von Thitz zulenken. Diese Aquarelle sind hier als verbindendes und leitendes Band zwischen die großen Gemälde platziert und stehen mit ihnen in anregender Wechselwirkung. Die Aquarelle entstehen vor Ort, auf den Reisen. Sie können sich das so vorstellen: Thitz sitzt mit dem Aquarellblock z. B. in den Straßenschluchten von Seoul ebenso wie in einem
Nationalpark in Brasilien. Und beim Aquarellieren ist er dann, wie er es im Gespräch formuliert hat, „auf der Jagd nach dem Ausdruck“. Er versucht, quasi als malerische
Reisereportage, der spezifischen Atmosphäre, der jeweils ortsbestimmenden kulturellen Idee einen bildhaften Ausdruckzu verleihen, und damit auch seinen subjektiven Blick auf die Welt zu transportieren und uns mitzuteilen. Dabei macht er immer wieder die Erfahrung, dass das tatsächliche Leben oftmals der Theorie widerspricht und situativ ganz eigenen Regeln folgt.
Das hat insofern ästhetische Konsequenzen, als sich Thitz ganz auf die Wirklichkeit, auf die Eigengesetzlichkeit eines Ortes, einer Situation einlässt und diese Autonomie künstlerisch umsetzt – auch wenn das dann tradierten Regeln derKomposition, des Bildaufbaus mitunter zuwiderläuft.
Dass die ästhetischen Mittel selbst im Dienst der subjektiven Utopie stehen, das können wir auch an seinen großformatigen Malereien sehen. Etwa wenn Thitz sich vom mehrdeutigen Begriff der „cloud“ zur Bildfindunginspirieren lässt. Cloud/Wolke – das bezeichnet einerseits die am Himmel stehende Wolke als atmosphärisches Phänomen. Wir sprechen mittlerweile
aber auch von der Daten-Cloud, die uns flächendeckend umhüllt, und die uns meist erst dann in den Sinn kommt, wenn die digitale Wolke einmal ihren Dienst versagt und uns im Regen der analogen Ahnungslosigkeit stehen lässt.
Mit digitalen Lebenswelten hat sich Thitz schon früher beschäftigt. Ein Beispiel dafür können Sie im ersten Stock sehen. Da fragt der Titel eines seiner Bilder: „Who lives in Internet City“? Das Internet scheint also ein räumlichdefinierter Ort zu sein, den man betreten und bewohnen und auch wieder verlassen kann. Daran sieht man, dass auch Utopien dem Lauf der Zeiten,
dem Wandel des Zeitgeistes unterworfen sind. Dann Anfang des Jahrhunderts sprachen wir ja auch noch davon, heuteAbend noch eine halbe Stunde ins Internet zu gehen – so als sei das ein separierter Bezirk, dessen wohlgehütete Schwelle man erst mit entsprechender
Vorbereitung zu überschreiten habe. Heute hingegen wabern wir alle ständig irgendwie in der Datencloud herrum, füllen diese Wolke selbst mit unseren mehr oder minder wichtigen
Einlassungen. Wir sind Teilnehmer eines permanenten weltweiten Datenaustauschs. Ein
Vorgang und ein Zustand, der noch vor wenigen Jahrzehnten selbst hoch utopisch erschienen ist.
Ein Zustand, ja eigentlich eine Lebensweise, die Thitz künstlerisch in seinem Bild „Cloud City Morning“ fortschreibt und auf die Spitze treibt – inhaltlich wie ästhetisch. Bevölkerte und bewohnte Wolken – man sieht: die Thitzwelt istnicht kleinlich, sie denkt groß, sie fragt nicht nach Statik oder Vollkasko. Stets zeigt Thitz gemalte Visionen, die beflügelt sind von einem optimistischen Zug nach vorne bzw. hier von einem himmelstürmenden Vertrauen
darauf, dass utopischen Würfen, die gleichermaßen human wie naturgemäß beschaffen sind, keine Grenzen gesetzt sind, keine Steine in den Weg gelegt werden.
Ästhetisch bildet sich die ins Extrem getriebene utopische Spannung darin ab, dass Thitz hier im Unterschied zu seinen sonstigen Arbeiten malerisch sehr dezidiert in die Fläche geht, den malerischen Impetus scheinbar stärker betont, als die Präsenz der linearen, grafischen Ebene.
Aber wiederum fordert er uns zum genauen Hinschauen, zum Entdecken auf. Denn tatsächlich ist das figurative undornamentale Leben keineswegs weniger stark im Bild
vertreten. Es ist nur etwas besser verborgen. Eingearbeitet und aufgehoben in der Substanz der Wolken, die hier einer zukünftigen Menschheit zur Wohnung werden.
Und wenn wir dieses Himmelsbild einmal mit den Großstadtbildern von Thitz vergleichen – wo er eine oftmals immense urbane Dichte auf die Leinwand bringt, eine Dichte, die
wiederum aus der Detailfülle einzelner Akteure hervorgeht, die etwa in den Bildern asiatischer Metropolenbuchstäblich jeden Quadratzentimeter bewohnen, wo uns schillernde Protagonisten aus Fensteröffnungen anblickenoder auf höhergelegten Trassen außen an den Hochhausfassaden entlang spazieren – wenn wir dieses atemlose und temporeiche
Großstadtgewimmel einmal mit dieser ganz entspannten Wolkenvision vergleichen, dann hat es den Anschein, als würden sich Thitz` utopische Perspektiven nicht nur auf das räumliche Mit- und Nebeneinander beziehen, sondern als würde sich hier auch etwas Ausdruck
verschaffen, das die zeitliche Dimension erfasst.
Etwas, dass ich einmal tastend eine synchrone Utopie nennen möchte. Eine Utopie der Entschleunigung, die denMenschen raus nimmt aus dem permanenten Zeitdruck und ihn wieder zu Atem kommen lässt und in einen menschengemäßen, menschenwürdigen
Zeitrhythmus einsetzt. Das aber nicht zum Preis des Rückzugs, der Isolierung, der völligen Abschottung von der Weltund ihren ganzen Zumutungen, sondern den Menschen tatsächlich vollumfänglich einbettet im kollektiven Datenstrom, mit anderen aktiv gestaltend in der
globalen Datencloud.
Denn eines führen uns die Werke von Thitz in einer Fülle unerschöpflicher, immer wieder neuer Variationen vor Augen: dass nämlich die großen Zusammenhänge von Natur und
Zivilisation stets gebildet und getragen sind von kleinen und kleinsten Aktionen individueller Akteure. Aus deren Eigenleben geht erst der übergeordnete Zusammenhang hervor. Das
Große und das Ganze wird von den Einzelnen permanent neu bestimmt und ist daher auch utopisch veränderbar. So richten die Bilder von Thitz an uns auch die Frage nach dem
Verhältnis von Individuum und Kollektiv, ebenso nach der Frage, wie Identität entsteht, was Identität eigentlich ausmacht.
Individuum, Kollektiv, Identität – das sind politisch hoch umkämpfte, auch ideologisch befrachtete Begriffe. Als ichletzte Woche hier in der Galerie Gelegenheit hatte, mit dem Künstler zu sprechen, da hat Thitz eindringlich betont, wie zersetzend nationalistische
Narrative und Slogans sind. „Britain first“ war da sein Beispiel. Das wurde im Vorfeld des sogenannten „Brexit“ skandiert. Auch bei uns gibt es immer mehr Leute, die wieder
Deutschland über alles stellen. Das aber kann nur in die Katastrophe führen, weil solche ideologischen Konstrukte stets auf der Abwertung des vermeintlich Anderen basieren.
Thitz hingegen zeigt uns die Möglichkeit einer lebenswerten Welt für alle, in der sich
regionale Identitäten gegenseitig bereichern. Indem er den genius loci, also die spezifische Signatur eines Ortes, aus dervitalen Substanz ihrer sich tummelnden Bewohner hervorgehen lässt, wird Identität zu kulturellem Reichtum. Zu einem Reichtum, der wiederum in globale Teilhabe übergeht. Und genau dafür stehen die weltweit zirkulierenden Thitz-Tüten
symbolisch als Hoffnungsträger ein.
Ohnehin denke ich, dass uns die Werke von Thitz mit einem hoffnungsvollen, mit einem ermutigenden Appellentgegentreten. Wenn ich abschließend einmal versuche, diesen Appell der Kunst von Thitz auf den Punkt zu bringen, dann würde ich ihn so formulieren: „Nichts muss so bleiben, wie es ist – denn die Zukunft beginnt jetzt und sie kann großartig werden.“
Rede am 25. September 2024 in der Galerie der Stadt Wendlingen am Neckar zur Eröffnumng der Thitz Ausstellung.
Thitz is a German artist whose works are well known and in high demand worldwide. THITZ storage is empty since years - because all new works are exhibited or sold. As part of his unique "Bag Art Paintings", THITZ uses paper bags as material on the canvas and as well as for communication. His works are absolutely unique, colorful, sometimes strange or bizarre, intriguing and have a richness of detail that makes it possible to discover things in the pictures even years later. Thitz works in the tradition of Pop Art; he develops it further, intensifies it, and integrates the poles of everyday reality, art, life and their sensorial experience into a new form of art. Thitz produced his first bag picture in 1985, more than 30 years ago, when he was studying under the great informal master K.R.H. Sonderborg at the Stuttgart State Academy of the Visual Arts. The fact that Thitz uses bags as a surface for his pictures is no accident but an integral element of his concept. The handle applications of the bags loop out over the edge of the picture. They breach the sharp linear contours of the picture and evoke associations – the picture as bag and the picture over and beyond what is depicted as a receptacle for content.
We discovered Thitz's art at the LA Art Show in 2022 and were intrigued, not only by his oddly charming differently colored shoes, one of his trademarks. In his interview, the artist tells us about his special "Bag Art" technique, the two levels of perception embedded In his artwork, and his use of recycled materials. Thitz also introduces us to the power of advertisements in the Western world, largely influenced by U.S. culture, and to the multiple layers of his work. Thitz shares his " artistic vision of a peaceful and sustainable world". While Thitz has exhibited his art all over the world, he remains in his homebase in Stuttgart, Germany.
Art currently on view at Artplex Gallery in Los Angeles
You are known for your "Bag Art". Can you explain the idea behind your technique to our readers? How did you come up with this idea of creating a layered art product, both in terms of reusable materials and meaning?
Basically, during my studies I already had the idea that as an artist I have to follow my own personal idea as precisely as possible and accordingly develop my own personal techniques. The reason is simple: there are no two identical people in the world! So, if you follow your own ideas precisely, something new and previously unknown automatically emerges. A nice effect is also that you don't have to pretend or adapt and therefore you always have fun at work! Already during the development, I tried all kinds of objects, which I glued on the canvas to then paint on it. These were exclusively recycled, that is, found objects, from the garbage or even used things by myself, such as bags, books, newspapers, circuit boards, ropes ... a special inspiration came from those objects that revealed the history of a former owner or its cultural origin. In the end, while searching for my own technique and style, it turned out that bags were the best fit for me. They have a visible and often readable surface, which tells something about the cultural environment from which they come. In addition, they have a hidden interior, a content that cannot be seen from the outside, which thus promises a discovery, a mystery. To connect these two levels of perception and to bring them into an artistic form has always been my concern.
You received art education both in Germany, and Spain. How have the different influences shaped you and your artistic expression to this day?
First, I learned that people in different cultures also perceive art with different eyes. For me, this created the opportunity to implement those skills and ideas preferentially, which were more at home in the respective culture. During the many journeys I made during my studies, I tried to transport back the respective cultural views as a kind of reporter, in the form of my watercolor studies. This resulted in tens of thousands of watercolor studies, on the trips I have painted virtually permanently, even on the bus, train or on a traffic island.
How do you translate your view of the world into visual images on paper bags?
If I want to paint a new motif, for example, a view of New York, I look for the watercolor studies and of course the bags from my last trips there and first begin to imagine from which point of view I want to tell the picture. That could mean to put myself in another person's shoes from the other culture or even from the city I want to paint and tell the picture from their point of view, but naturally with my own style. The bags are thereby inspiration, can awaken memories of previous trips there. These bags can also trigger the same in the viewer. The picture grows slowly. The first brushstrokes are with little paint practically with dirty water. So gradually the color becomes stronger and the instruments become finer. From the large brush to the small brush to the reed pen and in the end the ink drawing as the finest instrument. In the Utopian Civilizations pictures, even the ink is still used diluted in five stages.
You document transient, yet repeating moments of everyday life, often defined by distractions through advertisements in cities. In your opinion – apart from the material you use, what is special about your urban scenes and what distinguishes your style from other artists?
I was as a teenager on the East Berlin side while the wall in Berlin still stood, when I came back to West Berlin, I saw the advertising and the many colorful lights with completely different eyes. There was simply nothing like that in East Berlin! Until then, I always found advertising pretentious and unpleasant, annoying. But at that moment I understood that these colorful lights are part of our liberal culture, which has always been influenced by American culture, specially in West Berlin. The billboards no longer seemed so pretentious to me, and I understood them more as an invitation. The decision to paint cities came about during my scholarship in Barcelona. Until then I had only painted landscapes, I often walked for hours out of the cities and then painted my watercolors in the countryside in the middle of nature. In Barcelona I noticed the similarities, we humans are also part of nature. I began to deal with this part of nature. But since my first daughter was born, I have become a real fan of people. My style is as different from any other artistic style as the people who implement their style are different from each other. My approach has never been to submit stylistically to a particular fashion or current, yet there are of course influences from everyday life, and also from the art scene that influence my own living space and thus my artistic style. I notice some similarities with Pop Art, Andy Warhol but am also a fan of a lot of different people like Obama, the artist Rauschenberg, the musician Amina Claudine Meyers and the philosopher David Hume.
Your Bag Art consists of both silkscreen printing and painting. How do methodology, color, subjects, and materials work together in your artwork? Have you made changes to your style or method over the years? Why/why not?
The Bag Art actually consists only of canvases, bags and acrylic paint. Silkscreen, I use specially for the editions, which are originally made for the same reason as Andy Warhol originated - simply to be able to make my art accessible to poorer people. The paintings have actually evolved significantly over the years. Whenever I reach a certain quality, I immediately start looking for the next opportunity to improve. Thus, 15 years ago I completely changed the painting from previously opaque painting to lazure technique. This opened up the possibility of details and stories much finer and more complex to tell. However, this painting on acrylic paint basis is extremely complicated, especially because I paint with liquid colors on horizontal canvases and with both hands at the same time. Also, there are often long drying times, during which the paintings look terrible. Only the knowledge that this condition is necessary to achieve a maximum quality then allows me to keep painting. My ambition is always to be able to represent as much information or multi-layered levels in the paintings as possible. More is always better! So, the works over the years became more and more multilayered and more detailed.
You've exhibited your work internationally and have worked with different artists and in different cities over the course of your career. What have you learned from these experiences and has your work been received differently in different countries?
In fact, I have already worked and exhibited in over 30 countries. Interestingly, I have apparently managed to find a kind of global cipher that is understood everywhere. Possibly, the one has also only emerged through the other, I mean many trips have simply imprinted a global world view, which is then stylistically reflected in the works. In fact, depending on the culture, certain information or levels of the images are perceived differently. For example, I noticed in the Asian region that people perceive the surface of the information (bags, city views, faces) equally important as, for example, hidden messages, philosophical connotations, or associatively generated impressions. These are things that we in Europe usually discover consciously only at second glance.
We find yourself as a painted subject in many of your art products. In your opinion – what is the role of both the artist and art in our current state of the world? Can art provide healing, or does it disguise and distract from reality?
The more unique and whimsical my works became, the more I found it necessary to let myself appear there as a character. Simply to also show that one stands to it and that I live in this world also myself. Artist is one of the few still free professions of our time! I think we have thereby even the duty to show the reality and to contribute to the healing of unfreedom, injustice or discord. My task, as I see it, for example, is to create visions of a better world. These visions are all the more important in a society where everyone actually already has everything he needs but can no longer imagine how it should be even better. But if this culture of prosperity is based on the exploitation of the resources of the planet or even on the backs of poorer people in other parts of the world, there are very well visions of how to improve our world and culture still. I paint this world in which everything is as it should be, people live together peacefully and in harmony with nature, without wars and without any external differences among people causing problems. If we have a better world in front of our eyes, a painting which visualizes a dream of it, we are more likely to succeed in realizing it.
What is the collection or specific artwork you've created within your career span of over forty years that you're most proud of and why?
In the meantime, a large number of museums but also private collectors have bought my works and integrated them into their collection. This makes me very happy, of course, because this creates the opportunity for all people to view my works once in the museum. But it also makes me a little proud that there are hardly any paintings of mine that are sold again. So, the paintings are somehow sustainable enough and give inspiration and positive energy to the people who bought them, also after many years. They want to keep them even if the value of the paintings is increasing. But I also always enjoy the Bag Art Global project I organize mainly during my museum exhibitions worldwide. The people of the city are asked to send me their idea of an artistically designed bag. Out of these I then created an installation that was exhibited in the museum in a prominent place, and the results were usually overwhelming! Here, too, it has been shown that one can reach people very well if you ask them a question that can be answered really openly and freely. What is your idea of BAG ART?
Have you ever carried around any of your finished bag products and "recycled' art by reusing the bags as an everyday product? If your art is purchased by private collectors, where do you hope to see it exhibited? Would you encourage your buyers to re-use your art as shopping bags?
Especially with the Bag Art Global projects, of course it often happens that the project becomes an issue in a city, and people look at their shopping bags with completely different eyes. They work on them and paint them or speak a poem in them before they hand them to me. By using these bags for an artistic installation in the museum, they are recycled again. Afterwards, the people get their designed bag back, and the bags are recycled again. Most then hang their bag framed, and together we have created a quadruple recycled work of art. Of course, the finished canvas works can no longer be used for transportation of goods. However, the images indirectly transport the cultural time spirit and my artistic vision of a peaceful and sustainable world.
You told me about an upcoming exhibit at a gallery in L.A.; a byproduct of your exhibit at The LA ART SHOW 2022. What do you hope to gain from this collaboration and what are your plans for the future?
At this year's one artist show with Neue Kunst Gallery at LA ART SHOW 2022, it turned out that there will be a collaboration with Artplex Gallery at 7377 Beverly Boulevard in Hollywood. The paintings are already on display there and there will certainly be a solo show as well. I am very happy that I now have a gallery representation in the USA again, besides Korea and many galleries in Europe. For the future I wish you all health and a quick end of Putin's war and of course that all my visions for a positive future come true.
Copyright 2022/ Art Squat / artsquatmagazine@gmail.com
Rede zur Ausstellungseröffnung in Speyer Kulturraum
Thitz
Die Welt auf Tüten
Der Künstler Thitz macht es uns als Betrachter einfach. Er erzählt Geschichten, die jeder von uns weiterspinnen kann. Und trotzdem steckt mehr dahinter. Tüten können so viel mehr. Das wird mir spätestens dann klar, wenn ich einmal eine Papiertüte mit nach Hause bringe. Ich habe zwei Katzen, und es gibt nichts Schöneres für sie, als mit Anlauf in diese Tüten zu hüpfen. Sie bleiben stundenlang darin, erkunden jeden Winkel, jagen die Leere und legen sich schließlich zum Schlafen nieder. Ich habe mich schon oft gefragt, was sie wohl in diesen Tüten finden. Es muss ein ganz eigenes Katzenuniversum sein, eine eigene Welt in der Tüte.
Wir Menschen brauchen etwas mehr als eine leere Tragetasche, um die Welt darin oder darauf zu sehen. Die Thitz-Tüten sind keine Alltagsgegenstände (mehr), sondern Kunstobjekte. In den 60er Jahren nutzte die „Arte povera“ banale Materialien für die Kunst. Aber auch im neuen Jahrtausend wird es Trend, neue Sehgewohnheiten zu fordern und Alltägliches neu zu bewerten. Ich erinnere mich an eine Ausstellung im Ludwigshafener Hack-Museum vor einigen Jahren, als die Plastik-Aldi-Tüte wie ein Kunstwerk gehängt war. Das war befremdlich. Thitz nutzt nun keine Kunststofftragetaschen, sondern eher aus Papier, in allen Größen und Formen, manchmal scheint ein Aufdruck noch durch, auch Butterbrottüten oder diese dreieckigen Papiertüten aus der Obstabteilung werden Sie finden. Das Packpapier der Tüte wird der Malgrund oder auf die Leinwand eingearbeitet, mal offensichtlich, mal versteckt, mal sind es echte Tüten, mal nur ein Henkel als „pars pro toto“.
Er zeigt uns die Welt, und nimmt uns mit auf seine Reise durch die Metropolen. Er schafft es, seine Stadtansichten so zu charakterisieren, dass sie leicht zu erkennen sind:
Die Shopping-Meile von New York-Das multikulturelle und etwas ernste Berlin-Paris, die Stadt der Liebe und der Mode-London: zurückhaltend britisch-Die Wasserstadt Venedig-Die Museumsstadt Basel.Von Barcelona, wo er studiert hat, bringt er uns einen Olivenbaum mit
Es ist aber nicht die reale Architektur, die im Vordergrund steht. Es sind die Menschen, die uns ansprechen: Sie wirken unbeschwert, fröhlich, friedlich und farbenfroh. Sie leben auf engstem Raum miteinander und kümmern sich umeinander, auch wenn sie offensichtlich aus verschiedenen Kulturkreisen stammen. Das wird auch schon in den Aquarellen deutlich: Zwei Hausbewohner, die sich über einen Abgrund hinweg die Hand reichen. Oder das dunkle Kalkutta, in dem die Menschen voller Zuversicht aufeinander zugehen. Schön auch eine kleine Arbeit zur Speyerer Gedächtniskirche: Sie ist als Frau dargestellt, mit großem Hut, dabei die Bezeichnungen Hoffnung, Liebe, Glaube, Toleranz, Glück. Und die Symbole verschiedener Religionen. Doch trotz Glaubensunterschiede halten die Menschen zusammen. Das ist nicht die Wirklichkeit, sondern eine ideale Welt. Aus manchem Stadtbewohner wird ein Riese, aus manchem Hochhaus ein Luftschloss. Thitz macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Und warum auch nicht? Wir nehmen seinen Vorschlag auf und schauen uns seine Welt auf Tüten genauer an: Die Eindrücke sind stark visuell geprägt. Diese Städte stinken nicht, sie scheinen ungefährlich fröhlich und bunt. Die Menschen sind irgendwie ent-individualisiert. Es sind nun unsere Leinwände, die des Betrachters, wir können ihnen Charakter und eine Biografie verleihen. Menschen sind auch auf den neuesten Arbeiten zu finden, die nicht immer mehr eine pulsierende Metropole zeigen, sondern ein Utopia, eine Wolkenstadt, oder, ganz neu, von 2018, eine mystisch-blaue Bergwelt. Und was entdeckt man da? Thitz selbst, als Weihnachtsmann, der mit seinem Rentier Geschenke bringt: Seine Geschenke, das sind all die kleinen Geschichten und Geheimnisse, die seine Bilder so faszinierend machen. Man entdeckt immer noch etwas Neues.
Diese Kunst ist einzigartig. Thitz hat geschafft, wovon viele Maler träumen: Eine „Marke“ zu werden. Name, Tüte und Erscheinung: die verschiedenfarbigen Schuhe. Sie werden Sie aufspüren, denn er selbst bewohnt diese Städte und Landschaften, selbst den Baum aus Barcelona. Auch seine Kataloge sind selbst wahre Kunstwerke, einige daher schon vergriffen.
Der Künstler warnt vor zu viel Vorgesagtem: „Eine Entdeckung, die wir selbst für uns machen, geht tiefer als jeder gewollte Hinweis und jede Erklärung. Vielleicht entdeckt man dann ja auch auf der „wirklichen“ Straße auch kleine Geheimnisse und freut sich über das unerwartete Geschenk.“ Daher will ich nichts weiter verraten, sondern sie auffordern, ihre eigenen Geschichten auf den Arbeiten zu entdecken.
Seit über 30 Jahren arbeitet Thitz mit oder auf Papiertragetaschen. Studiert an der Staatlichen Akademie für bildende Künste in Stuttgart und an der Kunstakademie in Barcelona hatte er alle möglichen Materialien zur Verfügung. Einmal aus Verlegenheit zu Brötchentüten als Papier gegriffen und auf USA-Reise von den meterhohen schillernden Häuserfronten in New York nachhaltig beeindruckt, entstand der typische Thitz-Stil. Der Tüte blieb der Künstler treu. Dieser banale Gegenstand der Alltagskultur ist klug gewählt: als „armes“ Material ist es leicht zu bekommen und symbolisiert einerseits die Globalisierung der Welt, die Massenproduktion, die Konsumwelt, aber auch den ursprünglichen Zweck als Transportmittel von Waren oder auch Ideen. In der westlichen Konsumwelt ungern als Tragetasche benutzt, werden die Plastikexemplare gerade verbannt, als Souvenir aber gern von Reisen mitgenommen. Und seit den Flüchtlingsströmen sind sie wieder allgegenwärtig und hier nicht verfremdet oder mit Symbolen überladen, sondern sehr konkret als die einzige Möglichkeit, sein Hab und Gut auf der Flucht mitzunehmen. Als Reisebegleiter fing auch Thitz Tütenkunst an. In der Tradition der Künstlerreisen des 19. Jahrhunderts ist er oft unterwegs, um neue Inspirationen einzuholen, nicht nur für seine künstlerischen Arbeiten, sondern er lässt sich auch gern mit den Menschen ein, das sieht man seinen Bildern ja auch an. Reisen bedeutet heute nicht mehr nur noch ein Ortswechsel, sondern vor allem Kommunikation und Austausch. Dabei werden Unterschiede zwischen den Kulturen deutlich, und nicht ohne Kritik blickt Thitz auf die eigene europäische Kultur und Tradition. Dieser weltumspannende Blick, der typische Thitz-Stil, die Farbigkeit, die Freude am Schaffen: dies macht seinen Erfolg aus. Oft auf Messen vertreten, oft ausverkauft, in Museen vertreten, schwebt der Künstler jedoch nicht über den Dingen. Er bindet die Stadtbevölkerung mit ein, lässt Schulklassen Tüten bemalen, fordert in verschiedenen Städten die Bürger auf, ihre Sicht auf Tüten darzustellen. So entstehen herrliche Stadtporträts.
Thitz ist dabei ein großartiger Erzähler. Seine Tüten platzen schier vor Lebenslust, schöpferischer Freude und Hoffnung auf eine bessere Welt. Seine Tüten transportieren den unerschütterlichen Glauben an eine bessere Welt und sind als solche nicht nur zum Betrachten dar, sondern fast schon Handlungsaufforderung. Der Künstler macht es uns Betrachtern einfach, er erwartet nur einen genauen Blick. Seine Geschichten brauchen keine kunsthistorische Deutung, keine Erklärungen. Welche Bedeutung hat das Comichafte? Steht die Linie oder eher die Farbe im Vordergrund? Was bedeuten die Foto-Collagen? Und was transportiert mehr Botschaften? Das Aquarellhafte oder Acryl? Diese Fragen sind irrelevant. Wichtig ist, dass Sie sich anstecken lassen von dieser positiven Sicht auf die Welt und auf die Menschen. Und wenn Ihre Laune nach diesen Eindrücken immer noch nicht gut genug ist, lade ich Sie ein, die Cafe-Haus-Übung wörtlich zu nehmen: Gehen Sie heute nachmittag ins Cafe, schauen Sie sich die Leute an, denken Sie sich Geschichten und Geheimnisse aus. Versuchen Sie dabei, in jedem Menschen etwas Positives zu sehen, auch wenn es auf den ersten Blick nicht offensichtlich ist. Sie werden gute Laune bekommen und die Welt lieben. Thitz gibt uns genügend Inspiration dafür. Für diesen positiven Blick auf die Welt danke ich ihm.
Mira Hofmann M.A; Kulturwissenschaftlerin Speyer
Thitz
The world on bags
The artist Thitz makes it easy for us as viewers. He tells stories that all of us can spin on. And yet there is more to it than that. Bags can do so much more. That becomes clear to me at the latest when I bring a paper bag home with me. I have two cats, and there is nothing better for them than to jump into these bags with a running jump. They stay there for hours, explore every corner, hunt the emptiness and finally lie down to sleep. I have often wondered what they might find in these bags. It must be a very own cat universe, a world of its own in the bag.
We humans need something more than an empty carrier bag to see the world in it or on it. The Thitz bags are not everyday objects (anymore), but art objects. In the 60s the "Arte povera" used banal materials for art. But even in the new millennium there will be a trend to demand new viewing habits and to re-evaluate everyday life. I remember an exhibition in Ludwigshafen's Hack Museum a few years ago, when the plastic Aldi bag was hung like a work of art. That was strange. Thitz does not use plastic carrier bags now, but rather paper bags, in all sizes and shapes, sometimes an imprint still shines through, you will also find butter bread bags or these triangular paper bags from the fruit department. The wrapping paper of the bag is worked into the painting ground or onto the canvas, sometimes obviously, sometimes hidden, sometimes real bags, sometimes just a handle as "pars pro toto".
He shows us the world and takes us on his journey through the metropolises. He manages to characterize his cityscapes in a way that they are easy to recognize:
The shopping mile of New York-The multicultural and somewhat serious Berlin-Paris, the city of love and fashion-London: reservedly British-The water city of Venice-The museum city of Basel.from Barcelona, where he studied, he brings us an olive tree
But it is not the real architecture that stands in the foreground. It is the people who appeal to us: they seem light-hearted, cheerful, peaceful and colourful. They live together in a very small space and take care of each other, even if they obviously come from different cultural backgrounds. This is already evident in the watercolours: two house dwellers reaching out their hands across an abyss. Or the dark Calcutta, where people approach each other with confidence. A small work on the Speyer Memorial Church is also very nice: She is depicted as a woman, with a big hat, and the terms hope, love, faith, tolerance, happiness. And the symbols of different religions. But despite differences in faith, people stick together. This is not reality, but an ideal world. Many a city dweller becomes a giant, many a skyscraper a castle in the air. Thitz makes the world for himself as it pleases him. And why not? We take up his suggestion and take a closer look at his world on bags: The impressions are strongly visual. These cities don't stink, they seem harmless, cheerful and colourful. The people are somehow de-individualized. It is now our canvases, those of the viewer, we can give them character and a biography. People can also be found in the latest works, which no longer show a pulsating metropolis, but rather a utopia, a city of clouds, or, a brand new one, from 2018, a mystical blue mountain world. And what do you discover there? Thitz himself, as Santa Claus, who brings gifts with his reindeer: His gifts, these are all the little stories and secrets that make his pictures so fascinating. One still discovers something new.
This art is unique. Thitz has achieved what many painters dream of: becoming a "brand". Name, bag and appearance: the different coloured shoes. They will track you down, because he himself lives in these cities and landscapes, even the tree from Barcelona. Even his catalogues are true works of art, some of them already out of print.
Thitz has been working with or on paper carrier bags for over 30 years. Studied at the State Academy of Fine Arts in Stuttgart and at the Academy of Fine Arts in Barcelona, he had all kinds of materials at his disposal. Once, out of embarrassment, he grabbed bags of bread as paper and on a trip to the USA, he was lastingly impressed by the meter-high, dazzling house fronts in New York, where he developed the typical Thitz style. The artist remained true to the bag. This banal object of everyday culture is cleverly chosen: as a "poor" material, it is easy to get and symbolizes on the one hand the globalization of the world, mass production, the world of consumption, but also its original purpose as a means of transporting goods or ideas. In the Western consumer world, they are reluctantly used as carrier bags, but plastic copies are banned at the moment, but taken along as souvenirs from journeys. And since the streams of refugees they are again omnipresent and here not alienated or overloaded with symbols, but very concretely as the only possibility to take your belongings with you on the run. Thitz Tütenkunst also began as a travel companion. In the tradition of 19th-century artist journeys, he often travels to seek new inspiration, not only for his artistic works, but he also likes to get involved with people, as you can see in his pictures. Today, travelling is no longer just a change of place, but above all communication and exchange. Differences between cultures become clear, and Thitz does not look at his own European culture and tradition without criticism. This global view, the typical Thitz style, the colourfulness, the joy of creating: this is what makes Thitz successful. Often represented at trade fairs, often sold out, represented in museums, the artist does not float above things. He involves the city's population, has school classes paint bags, and in various cities invites citizens to present their views on bags. The result is wonderful city portraits.
Thitz is a great narrator. His bags burst with lust for life, creative joy and hope for a better world. His bags transport the unshakeable belief in a better world and as such are not only for viewing, but almost a call to action. The artist makes it easy for us viewers, he only expects a close look. His stories need no art-historical interpretation, no explanations. What does the comic-like mean? Is the line or rather the color in the foreground? What do the photo collages mean? And what conveys more messages? Watercolor or acrylic? These questions are irrelevant. It is important that you allow yourself to be infected by this positive view of the world and of people. And if your mood is still not good enough after these impressions, I invite you to take the café-house exercise literally: Go to the cafe this afternoon, look at the people, make up stories and secrets. Try to see something positive in every person, even if it's not obvious at first glance. You will be in a good mood and love the world. Thitz gives us enough inspiration. I thank him for this positive view of the world.
Mira Hofmann M.A; cultural scientist Speyer
Thitz
The world on bags
The artist Thitz makes it easy for us as viewers. He tells stories that all of us can spin on. And yet there is more to it than that. Bags can do so much more. That becomes clear to me at the latest when I bring a paper bag home with me. I have two cats, and there is nothing better for them than to jump into these bags with a running jump. They stay there for hours, explore every corner, hunt the emptiness and finally lie down to sleep. I have often wondered what they might find in these bags. It must be a very own cat universe, a world of its own in the bag.
We humans need something more than an empty carrier bag to see the world in it or on it. The Thitz bags are not everyday objects (anymore), but art objects. In the 60s the "Arte povera" used banal materials for art. But even in the new millennium there will be a trend to demand new viewing habits and to re-evaluate everyday life. I remember an exhibition in Ludwigshafen's Hack Museum a few years ago, when the plastic Aldi bag was hung like a work of art. That was strange. Thitz does not use plastic carrier bags now, but rather paper bags, in all sizes and shapes, sometimes an imprint still shines through, you will also find butter bread bags or these triangular paper bags from the fruit department. The wrapping paper of the bag is worked into the painting ground or onto the canvas, sometimes obviously, sometimes hidden, sometimes real bags, sometimes just a handle as "pars pro toto".
He shows us the world and takes us on his journey through the metropolises. He manages to characterize his cityscapes in a way that they are easy to recognize:
The shopping mile of New York-The multicultural and somewhat serious Berlin-Paris, the city of love and fashion-London: reservedly British-The water city of Venice-The museum city of Basel.from Barcelona, where he studied, he brings us an olive tree
But it is not the real architecture that stands in the foreground. It is the people who appeal to us: they seem light-hearted, cheerful, peaceful and colourful. They live together in a very small space and take care of each other, even if they obviously come from different cultural backgrounds. This is already evident in the watercolours: two house dwellers reaching out their hands across an abyss. Or the dark Calcutta, where people approach each other with confidence. A small work on the Speyer Memorial Church is also very nice: She is depicted as a woman, with a big hat, and the terms hope, love, faith, tolerance, happiness. And the symbols of different religions. But despite differences in faith, people stick together. This is not reality, but an ideal world. Many a city dweller becomes a giant, many a skyscraper a castle in the air. Thitz makes the world for himself as it pleases him. And why not? We take up his suggestion and take a closer look at his world on bags: The impressions are strongly visual. These cities don't stink, they seem harmless, cheerful and colourful. The people are somehow de-individualized. It is now our canvases, those of the viewer, we can give them character and a biography. People can also be found in the latest works, which no longer show a pulsating metropolis, but rather a utopia, a city of clouds, or, a brand new one, from 2018, a mystical blue mountain world. And what do you discover there? Thitz himself, as Santa Claus, who brings gifts with his reindeer: His gifts, these are all the little stories and secrets that make his pictures so fascinating. One still discovers something new.
This art is unique. Thitz has achieved what many painters dream of: becoming a "brand". Name, bag and appearance: the different coloured shoes. They will track you down, because he himself lives in these cities and landscapes, even the tree from Barcelona. Even his catalogues are true works of art, some of them already out of print.
Thitz has been working with or on paper carrier bags for over 30 years. Studied at the State Academy of Fine Arts in Stuttgart and at the Academy of Fine Arts in Barcelona, he had all kinds of materials at his disposal. Once, out of embarrassment, he grabbed bags of bread as paper and on a trip to the USA, he was lastingly impressed by the meter-high, dazzling house fronts in New York, where he developed the typical Thitz style. The artist remained true to the bag. This banal object of everyday culture is cleverly chosen: as a "poor" material, it is easy to get and symbolizes on the one hand the globalization of the world, mass production, the world of consumption, but also its original purpose as a means of transporting goods or ideas. In the Western consumer world, they are reluctantly used as carrier bags, but plastic copies are banned at the moment, but taken along as souvenirs from journeys. And since the streams of refugees they are again omnipresent and here not alienated or overloaded with symbols, but very concretely as the only possibility to take your belongings with you on the run. Thitz Tütenkunst also began as a travel companion. In the tradition of 19th-century artist journeys, he often travels to seek new inspiration, not only for his artistic works, but he also likes to get involved with people, as you can see in his pictures. Today, travelling is no longer just a change of place, but above all communication and exchange. Differences between cultures become clear, and Thitz does not look at his own European culture and tradition without criticism. This global view, the typical Thitz style, the colourfulness, the joy of creating: this is what makes Thitz successful. Often represented at trade fairs, often sold out, represented in museums, the artist does not float above things. He involves the city's population, has school classes paint bags, and in various cities invites citizens to present their views on bags. The result is wonderful city portraits.
Thitz is a great narrator. His bags burst with lust for life, creative joy and hope for a better world. His bags transport the unshakeable belief in a better world and as such are not only for viewing, but almost a call to action. The artist makes it easy for us viewers, he only expects a close look. His stories need no art-historical interpretation, no explanations. What does the comic-like mean? Is the line or rather the color in the foreground? What do the photo collages mean? And what conveys more messages? Watercolor or acrylic? These questions are irrelevant. It is important that you allow yourself to be infected by this positive view of the world and of people. And if your mood is still not good enough after these impressions, I invite you to take the café-house exercise literally: Go to the cafe this afternoon, look at the people, make up stories and secrets. Try to see something positive in every person, even if it's not obvious at first glance. You will be in a good mood and love the world. Thitz gives us enough inspiration. I thank him for this positive view of the world.
Mira Hofmann M.A; cultural scientist Speyer
Wenn hier in Berlin der Name „Tietz“ fällt, denkt bestimmt so manch einer zuerst an Hermann Tietz und seine Warenhäuser, besser bekannt als HERTIE (zu denen auch das KaDeWe gehört). Diese Warenhäuser waren bis in die 1990er Jahre einer der führenden Warenhauskonzerne in Deutschland. Sie standen und stehen an prominenten Orten wie zum Beispiel in der Leipziger Straße, Tauentzienstrasse oder am Alexanderplatz und boten um 1900, als der Unternehmenssitz nach Berlin verlegt wurde, ein völlig neuartiges Einkaufserlebnis. Da kann man sich gut vorstellen, wie die Leute damals, begeistert vom neuen Warenangebot, zugriffen und tütenweise ihre Einkäufe nach Hause trugen.
Sie ahnen es: Einkaufstüten sind das Stichwort, auf das ich hinauswollte und das jetzt zu unserem, zum „richtigen“ Thitz überleitet:
Denn Tüten sind das Markenzeichen seiner Kunst und spielen eine große Rolle in seiner Malerei, wie Sie unschwer erkennen können. Die Henkel der Tragetaschen verraten die Verwendung der Tüten bzw. Thitz´ Technik: Er klebt Tüten aus Papier oder Plastik auf Leinwand und schafft so ganz eigene Collagen, die einen Bildträger haben, der seine Funktion als „Träger“ in doppelter Hinsicht erfüllt.
Ausgangspunkt für seine Malerei ist das Reisen: Thitz sammelt Tüten überall auf der Welt und hält seine dort empfundenen Eindrücke in seinen Kunstwerken fest: Hier in der Ausstellung sehen Sie Metropolen, Megacities wie London, New York, Tokyo und … Berlin! Und auf die Berlin-Ansicht aus dem Jahr 2014 möchte ich näher eingehen: Wir Betrachter blicken in einen Großstadt-Dschungel, können die dargestellte Stadt aber sofort identifizieren, denn Thitz wählt für die jeweiligen Städte typische Motive. Hier ist es das Brandenburger Tor und der Boulevard Unter den Linden, aber es gibt viele andere Hinweise und Details, die auf unsere Hauptstadt verweisen: Links oben in der Ecke das Logo der Humboldt-Universität zu Berlin mit dem Doppelporträt von Alexander und Wilhelm von Humboldt. (Die Universität gibt im Übrigen vor, das Logo immer am rechten Rand zu platzieren, ein Hinweis, dass wir hier im Reich der Kunst sind). Der Berliner Krisendienst steht auf dem Kopf, in Berlin kauft man sich nicht arm, sondern reich, kann im Toleranz-Laden shoppen gehen…die Bildkomposition ist voller Bezüge, Anspielungen und Details, die es zu entdecken gilt. Wir sehen links das Filmplakat des Avantgarde-Klassiker Sinfonie der Großstadt von Walter Ruttmann, ein Film von 1927, der den Rhythmus der Metropole Berlin einfängt, indem er einen Tagesablauf schildert – unterbrochen immer wieder durch die Ansicht der Turmuhr des Berliner Rathauses. Es ist also kein Zufall, dass wir hier das große Ziffernblatt einer Uhr auf der Straße sehen.
In Berlin ist so allerhand los, als Betrachter ist man permanent gefordert, Neues zu entdecken, Details wahrzunehmen, die zum Schmunzeln einladen.
Thitz selbst formuliert:
"[…] In eine Sekunde Stadt passt unendlich viel Information."
Diese Fülle und Buntheit vermittelt uns Thitz, indem er mit Gestaltungselementen wie Reihung, Spiegelung und Wiederholungen arbeitet. Auch die nicht einheitliche Perspektive ist ein Kennzeichen seiner Bilder, die Tiefe suggeriert, uns manchmal auch das Gefühl gibt, dass die Schwerkraft aufgehoben ist.
Thitz denkt sich dies alles aber nicht aus, sondern bildet das ab, was er selbst erlebt hat, persönliche Eindrücke mit "allen Geräuschen, Krach, Staub und Gerüchen". So bekommt der Betrachter seiner Werke ein Gespür für die Geschwindigkeit der Städte, was auch die über die Leinwand hinausragenden Henkel suggerieren. Denn die Kunstwerke verwandeln sich so selbst zu Tüten, die jederzeit griffbereit sind, mobil – und bekommen ihrerseits etwas "Schnelles, Flüchtiges".
Aber das eigentliche Thema sind die Menschen und was die wimmelnden Großstädte mit all dieser Hektik und Buntheit mit ihnen macht. Diese Menschen, die einen immer wieder und überall anblicken, sind hier ein eigener Figurentypus. Thitz wendet Stilmittel an, die uns aus dem Comic und dem Design bekannt sind - tausende Figuren bevölkern Fassaden und Häusermeere und spiegeln somit die Vielfalt, das Miteinander, auch das Miteinander der Kulturen, die Anonymität und Einsamkeit des Menschen (in der Großstadt) wider.
Somit reflektieren Thitz´ Bilder unsere Gegenwart und nehmen Bezug auf aktuelle Themen, was unter anderem deutlich wird, wenn wir uns die Ansicht der Champs Elysées in Paris ansehen: Da steht jemand mit der Aufschrift "Je suis Charlie" auf seinem Shirt. Schrift bzw. Text ist ein weiteres wichtiges Gestaltungselement – wir als Betrachter suchen nach Erklärungen, aber wir bleiben allein damit. Thitz löst das Rätsel nicht auf. Die Welt, in die uns Thitz entführt, ist viel zu komplex, zu vielschichtig, um erklärt werden zu können.
Insofern wünsche ich uns allen viel Spaß beim Suchen, Betrachten und Entdecken, auch beim gedanklichen Reisen durch Europa, den USA und Asien. Und auch gute Gespräche mit Thitz selbst, der aus Stuttgart angereist ist und heute die Eröffnung mit uns gemeinsam feiern kann. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und viel Spaß!
Dr. Julia Klarmann, CEO Sonderausstellungen in der Liebermann-Villa am Wannsee
Dr. Stephan Mann Direktor Museum Goch Text im Buch "Wundertüte Bags and Miracles " Kerber Verlag 2010
„Kunst rettet die Welt“
Künstlerreisen haben eine lange Tradition. Generationen von Künstlern haben immer wieder inspiriert von fremden Eindrücken und fernen Ländern im eigenen Werk reagiert. Ob es die faszinierenden Farben des Orients sind, denen Delacroix oder Matisse in Marokko begegnete, ob es Goethes Italienreise war oder ob es die Eindrücke der New Yorker Hochhausschluchten waren, in die Rudolf Schoofs in den siebziger Jahren zum ersten Mal eintrat; neue und fremde Eindrücke haben immer schon ein künstlerisches Werk verändert und kreativ beeinflusst.
Auch für den Maler Thitz bilden die eigenen Reisen eine schier unerschöpfliche Inspiration für seine Welt- und Städtebilder. Seit vielen Jahren zieht es ihn immer wieder in die Metropolen Indiens, Amerikas oder Afrikas. Die Eindrücke, die er aus der Ferne mitbringt, finden ihren Ausdruck in den großen Städte- bildern. Auch wenn man immer wieder charakteristische topografische Gegebenheiten entdeckt, sein eigentliches Thema sind die Menschen und ihr Miteinander. Die Bilder leben vom Dialog. Es geschieht viel in den Städten und Landschaften. Man betritt ein farbiges Geflecht aus Häusern, Autos, allerlei Frem- dem und natürlich Menschen. Menschen aller Couleur, immer jedoch auf das Wesentliche reduziert. Es sind schlanke Wesen, die mit einer eindeutigen Gestik ihrem Gegenüber signalisieren, was sie möchten. Der Betrachter verliert sich schnell in den unzähligen Geschichten, von denen auch Thitz gerne erzählt, wenn er vor seinen Bildern spricht. Er weiß es genau, was hier geschieht, wer mit wem und warum.
Ist es eine Traumwelt, in die uns der Maler entführt? Sind es die fliegenden Pferde oder Menschen eines Marc Chagalls, an die wir uns erinnert fühlen? Auch Thitz ist sicherlich ein großer Geschichtenerzähler. Er versteht es, mit nur wenigen zeichnerischen Mitteln Menschen und ihre Gefühle zu charakterisieren. Diese liebevoll gemalten Details zeigen, wie sehr sich der Künstler in Details ergehen kann, ohne wirklich detailgetreu zu werden. Bisweilen gleicht seine Linienführung der einer Karikatur und mit nur wenigen Mitteln vermag er, eine Persönlichkeit treffend zu charakterisieren.
Die Zeichnung ist das prägende stilistische Mittel seiner Bilder. Sein Lehrer, der dänische Maler und sein Professor an der Stuttgarter Akademie K. R. H. Sonderborg, hat prägend auf den jungen Künstler gewirkt. Sein vitaler Pinselstrich, sein Blick auf die gestische Malerei Amerikas, aber auch seine von den Metropolen geprägten Städtebilder, bilden eine Grundlage für die Malweise und die Zeichnung von Thitz. Sein schneller Zeichenstrich ist bis in die jüngsten Bilder und Zeichnungen das Charakteristikum der Thitz ?schen Welt.
Aber der Vergleich macht auch deutlich, dass die Malerei für Thitz kein formalistisches Spiel ist. Seine Welt ist eine Welt der Menschen und der Kommunikation. Seine Bilder reflektieren unsere Gegenwart — manchmal mehr als uns lieb ist.
Die Menschen, die seine Städte bevölkern, zeichnen sich durch Vielfalt aus. Kulturen kommen zusammen, blicken staunend aus ihren Hochhausfenstern. Aber nicht immer finden sie ein Gegenüber, bleiben allein und schauen uns traurig an. Die Städte, die Thitz schildert, sind überzogen von einem dichten Geflecht aus Linien und Farben. Sie spiegeln die Geschwindigkeit des Lebens und Miteinanders, das uns zuneh- mend bestimmt, ohne dass wir es immer wahrnehmen und reflektieren. Das Tempo unseres täglichen Lebens hat sich in den vergangenen Jahren gewaltig erhöht, die Geschwindigkeit unserer Datenauto- bahnen wird längst nicht mehr in Sekunden gemessen. Ein Vorsprung von Nanosekunden entscheidet heute über den DAX oder den Dow Jones Index. Persönlichkeitsprofile werden von Computerprogram- men entworfen und definiert. Dazu braucht es keine Menschen mehr, kein Gegenüber, keinen Dialog. Der Input, den wir den Computern liefern, ist so gigantisch groß, dass eine computergesteuerte Vernetzung dieser Informationen inzwischen unsere Realität mehr bestimmt, als wir ahnen.
In dieser Welt treffen Kulturen aufeinander, entstehen Megacities und umspannt ein selbstlernendes Kommunikationssystem den gesamten Globus. Diese Gegenwart beschreibt Thitz seit Jahren. Aber es entstehen keine dunklen Visionen. Seine Bilder sind vielschichtig und zeigen die ganze Ambivalenz der Realität. Sie sind ein Spiegel der Geschwindigkeit und der Vielfalt, des Miteinanders, der Traurigkeit und Einsamkeit von Menschen. Aber eben auch der Vielfalt und der neuen Chancen, die sich im Miteinander der Kulturen ergeben.
In „Chabola City” aus dem Jahr 1994 wird aus einer ärmlichen Hütte ein in den Himmel wachsender Palast, der mehr mit dem Kölner Dom gemeinsam hat, denn mit den Slums unserer Vorstädte. Merkwürdig menschenleer schenkt Thitz den vergessenen Armenvierteln eine Würde.
Unsere Wirklichkeit ist eine Wirklichkeit mit doppeltem Boden. Der Schein trügt immer wieder, ihn zu entlarven ist die Botschaft der Künstler. In „Berliner Puschkinallee”, einem Bild aus dem Jahr 2010, ist es vergleichsweise ruhig. Eine herbstliche Stimmung überzieht das Bildgeflecht. Und eingebettet in die feine Verästelung der Bäume finden sich Botschaften des Künstlers. Worthülsen und Begriffe, die wie ein Echo der Menschen im Raum Stadt verhallen: „Weisheit“, „Künstlerhandy“, „global“, „Freiheit“ oder auch „Wohlstand 6000 km“. Der Betrachter zögert, sucht Erklärungen im Bild und bleibt doch mit seinen Deutungsversuchen auf sich verwiesen.
Thitz löst das Rätsel seiner Bilder nicht auf. Die Welt, die er wahrnimmt, ist zu kompliziert, zu vielschichtig um eindimensional erklärt werden zu können. Und so ist auch der Satz „Kunst rettet die Welt“ aus dem gleichen Bild ein frommer Wunsch, eine Vision, eine wunderbare Vorstellung. Wir selbst schreiben die Geschichte dazu.
Ach ja, da wären ja noch die Tüten, durch die Thitz gänzlich unverwechselbar geworden ist. Die Tüte ist sein Markenzeichen und sie spielt bis heute natürlich eine wichtige Rolle. Sie ist Malgrund, wichtiger Bestandteil seiner Collagen und immer wieder Botschafter fremder Länder und Kulturen. Mit ihr bereist der Künstler die Welt, sie findet er überall, in China ebenso wie in Japan oder den USA. Die Botschaften spiegeln die Buntheit und die Vielfalt unserer Welt und ihrer Menschen. Sie stehen für die Welt des Kon- sums und tragen Botschaften weiter. Die Tüte verbirgt Geheimnisse; sie gibt nur das preis, von dem wir möchten, das andere es sehen.
Der Blick, den der Maler Thitz uns auf die Welt schenkt, ist ein sehr privater und doch verbirgt sich dahinter die Vision „Kunst rettet die Welt“. Wie gerne würden wir es glauben.
Dr. Stephan Mann Direktor Museum Goch
Text von Dr. Stephan Mann Direktor Museum Goch zum Katalogbuch "!Die Thitz Welt" 2008
Kleine Erde - große Augen
Zu dem weltumspannenden Imperium von Thitz
Die Welt des Malers Thitz ist klein. Mit großer Geste umschließt ein langer, gelb bekleideter Arm die Weltkugel. Lässig und fröhlich schaut er drein, der Mensch der dazu gehört, die Augen weit aufgerissen. Er gehört zu einer schmalen, grün gekleideten Person, die bereits ihr Gegenüber fest anvisiert und es besteht kein Zweifel, bei diesen Armen wird eine Umarmung schnell gelingen. Andere Menschen nutzen die eingezeichneten Breitengrade zum munteren Spazieren und auch sie werden mühelos in kürzester Zeit die Erde umrunden.
Die Figuren, die in diesen Bildern die Welt bevölkern, sind bewegliche Wesen. Sie scheinen jeglichen Naturgesetzen zu strotzen, sind befreit von der Schwerkraft und wohl allein ihrem Schöpfer untergeordnet. Ihre Ausstrahlung ist einzigartig, erfrischend und stets animierend zum genauen Hinsehen. Längst haben sie die Hochhäuser unserer Städte besetzt, haben sich in New York, London, Madrid oder Paris eingenistet und sind in der Lage ohne große Anstrengung große Entfernungen zu überwinden. Bunt und farbig sind sie, die Menschen in „Bag City“, rote und gelbe, grüne und braune Menschen, mit Locken oder langem, strähnigen Haar, das wild hinter ihnen her flattert. Mit besonderer Liebe werden sie mit den seltsamsten Kopfbedeckungen gekleidet, alles scheint denkbar in den Städten und Landschaften von Thitz. „Mr. London“ etwa kommt „very british“ daher und blickt, als moderner Robin Hood, mit langer Nase und beachtlichem Hut – es handelt sich um nichts geringeres als die Kuppel von St. Paul Cathedral – auf London. Auch das alte Empire haben sie also längst erobert, die bunten Menschen.
Und stets mit dabei ist der Künstler selbst, mal im Taxi, mal mit weit ausladenden Flügeln versehen, durch die Lüfte schwebend, in seinen gelben und roten Schuhen, die ihn wie die geflügelten Schuhe des Hermes schwerelos machen. Gelb und Rot, das sind seine Farben, die sich auch in der markanten Weste wiederfinden, in der Thitz so gerne erscheint.
Dabei fing doch alles so irdisch an mit Tüten und ihren Botschaften, Tüten aus aller Welt von Gemüseständen und Museen, von Kaufhausketten und Modehäusern. Die Botschaften auf diesen Tüten animierten Thitz zu Übermalungen und Collagen und es entstand, gewachsen in den vergangen zehn Jahren, ein weltumspannendes Imperium bestehend aus unzähligen bunten und munteren Menschenfiguren.
Ein Zentrum sucht man vergeblich in diesem weltumspannenden Reich. Eine Stadt aber ist immer wieder Schauplatz neuer Geschichten: New York. Die Häuser und Hochhausschluchten der Metropole, der Postkartenblick auf den Times Square oder das Flat Iron Building, die vielen Accessoires des Big Apple, immer wieder tauchen das Empire State Building oder in früheren Arbeiten die Zwillingstürme des World Trade Centers auf. Die Liebe zu dieser Stadt, die Faszination, die von ihr ausgeht, ist Gegenstand vieler Bilder.
In den jüngsten Arbeiten aber wird auch deren Verletzlichkeit spürbar, etwa in jener Arbeit, der ein Foto zu Grunde liegt, das der Künstler am 11. September 2001 auf dem Weg zur Südspitze Manhattans machte, der riesigen Staubwolke entgegen.
Ob New York, Shanghai oder Varanasi, die Metropolen dieser Erde sind für Thitz Schauplatz seiner Visionen von einer Welt, in der die Menschen aller Kulturen und Weltanschauungen auf engstem Raum friedvoll und gemeinsam leben.
Diese Idee liegt allen Arbeiten von Thitz zu Grunde. Gerade nach dem 11. September gewinnt diese Vision in den neuen New York Bildern des Künstlers eine aktuelle und eindringliche Qualität.
Die Fotografie wird hierbei ein immer wichtigeres Medium. Thitz macht sie zur Grundlage seiner Collagen und Übermalungen. Die auf große Formate vergrößerten Fotos bilden, ebenso wie die vielen Tüten, Inspiration für den Künstler und werden zum Dialogpartner. Realität und künstlerische Inspiration begegnen sich bei diesem Prozess.
Aber es geht ihm nicht um ein oberflächliches, topographisches Interesse. Die Wolkenkratzer und Häuser sind bewohnt. Aus ihren Fenstern blicken Menschen und für ein umfassendes Verständnis dieser Welt bleibt der Blick in das Detail zwingend.
So farbenfroh und vielfältig diese Menschen auch sind, allen gemeinsam sind diese unglaublich suggestiven Augen. Durch sie blicken wir in das Seelenleben der Welt und ihrer Bewohner. So „traumhaft“ sie die Städte auch beleben, so verletzlich ist deren Realität. Einige erscheinen uns glücklich, sie blicken ihr Gegenüber an, haben es gefunden und die Vitalität und Lebensfreude dringt aus allen Poren ihres Körpers. Andere dagegen blicken uns mit diesen Augen an, der Kopf leicht geneigt und es sind die Augen, die einen nicht mehr los lassen. Sie verfolgen uns und scheinen uns immer wieder die Frage nach den Schattenseiten dieser vitalen und globalisierten Welt zu stellen.
Kommunikation, daran besteht angesichts dieser Weltbilder kein Zweifel, ist ein Schlüssel für jeden, der in dieser Welt bestehen will. Viele der Thitzschen Menschen lehnen sich deshalb weit hinaus aus ihren Fenstern und scheinen dabei fast das Übergewicht zu verlieren. Aber längst nicht alle sind in der Lage aus eigener Kraft aus ihrem engen Haus am Times Square oder aus den historischen Häusern in Varanasi heraus zu kommen. Nicht allen gelingt die Teilhabe an der bunten Welt.
Das große bunte Ganze hat seine Schattenseiten. Und so zerplatzt nicht selten die traumhafte Vision dieser Stadtlandschaften, und hinter der scheinbar so realen Wirklichkeit verbirgt sich ein Luftschloss und in der regen Betriebsamkeit unserer Städte verbirgt sich nicht selten eine große Leere. Die Welt, in die Thitz mit seinen Bildern hineinblickt, bleibt eine Welt der Widersprüche und Brüche.
Bei all dem, was wir in diesen Bildern erblicken, bleibt die Freude und hoffnungsvolle Grundhaltung, die in jeder Thitz Arbeit steckt. Die Erschaffung der Thitzwelt ist ein künstlerisches Signal an unsere Gesellschaft, den Glauben an eine bessere gemeinsame Zukunft nicht aufzugeben. Der Künstler erblickt diese Hoffnung und setzt sie in eine facettenreiche und farbenfrohe Bildsprache um. Es bleibt beim Betrachter und bei all jenen, die in der Lage sind, diese Welt zu betreten, diese Hoffnung aufzunehmen, wohl wissend, dass es eine Welt mit doppeltem Boden bleibt.
Mit viel Ironie und malerischem Witz konfrontiert uns Thitz mit seiner kritisch-intellektuellen Sicht auf die eigene europäische Kultur und Tradition. Von hier aus reflektiert er die Welt. Die vielen Reisen des Malers spiegeln sich in immer neuen Städtebildern und die zwei Schuhe, one red - one yellow, sind nicht nur sein weit hin leuchtendes Erkennungssignal, sie stehen auch für das unablässige Unterwegssein des Künstlers. Und wie Hermes in seinen geflügelten Schuhen überbringt er uns gute und schlechte Nachrichten.
In den neueren Bildern tritt die Tüte, das Markenzeichen des Künstlers, immer stärker in der Hintergrund. Zwar bleibt sie ein Bestandteil des collagierten Ganzen, erkennbar manchmal nur noch am heraustretenden Henkel, ihre prägende Kraft aber erhalten diese Arbeiten von der Fotografie sowie der großflächigen Übermalung. Mit ihr gelingt es, die Realität noch unmittelbarer zum Bildgeschehen und Bildausgangspunkt zu machen.
Es entspricht dem konsequenten Denken des Künstlers, sich nicht nur im Medium der Malerei auszudrücken. Lässt man sich einmal auf den Künstler ein, umgibt uns diese Welt völlig, und wir sind Teil eines konzeptionellen Gesamtentwurfs zu der eine konsequente Ikonographie ebenso gehört. Der Künstler ist dabei seinen eigenen Kosmos zu erschaffen. Es entstehen, neben den genannten Bildern und Papierarbeiten vielerlei Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens.
Es ist der Blick auf das Detail, der hier perfektioniert wird und der den Künstler auszeichnet. Thitz´ Eingreifen in unsere Alltagswelt muss als Gesamtkonzept verstanden werden. Kein Gegenstand ist ihm dabei zu banal oder zu unscheinbar und nichts entgeht seinem kreativen Schaffensdrang. Er gestaltet Tische, Lampen oder auch schon einmal den typischen, mehrstöckigen Blumentisch der 50er Jahre. Er dreht seine eigenen Filme, die in einem eigens umgebauten „halbautomatischen“ Tisch mit versenkbarem Monitor abgespielt werden, oder es entstehen die großen Tütenhäuser, die begehbar sind, und damit eine äußere Hülle für Thitz´ eigene Welt darstellen.
Nur inmitten des gesamten Thitz-Kosmos begreift man den umfassenden Anspruch des Künstlers. Bei all dem ist die Welt von Thitz eine bunte, farbenfrohe und fröhliche Welt. Sie zu betreten macht Freude und macht frei für einen neuen Blick, nicht zuletzt auf die Zwischentöne und Randbereiche unserer Wirklichkeit. Er geht über die subjektive Erfahrung hinaus und schafft Chiffren von unserer Wirklichkeit.
Damit greift Thitz endgültig ein in unser Leben, nimmt von uns und unserer Wahrnehmung Besitz und schenkt uns einen ganz neuen, vitalen und sensiblen Blick auf unsere Realität.
Stephan Mann
Leiter Museum Goch 2008
Thitz, der Mann mit dem roten und gelben Schuh, ist ein Tausendsassa, der weltweit unterwegs ist. Werfen wir nur einen Blick auf die Liste seiner Einzelausstellungen: Kunstprojekte führten ihn nicht nur quer durch Deutschland und Europa, sondern auch in die USA, nach Brasilien und Korea. Thitz, das buchstabiert man T wie Toleranz, H wie Heiterkeit, I wie Ideale, T wie Träume und Z wie Zeitgeist und dieser Name ist Programm. Für Thitz ist Kunst Kommunikation. Seine Tütenaktionen, bei denen der Künstler rund um die Welt reist, um Menschen dazu anzuregen, weiße Papiertüten zu Kunstobjekten zu gestalten, können ganz im Sinne von Joseph Beuys als soziale Plastiken verstanden werden. Die Dokumentation hier drüben mag Ihnen einen kleinen Einblick von der Vielfalt dieser Projekte geben. Vielleicht erinnern sich einige von Ihnen noch an seine Ausstellung 2006 in der Städtischen Galerie in Offenburg. Überdies können wir bei dieser kleinen Installation sehen, dass er für die Sammlung Frieder Burda das Innere einer Tüte gestaltet hat und auch auf sein großes Tütenprojekt in Solingen im vergangenen Jahr wird hingewiesen. Auf dem Tisch zeigt sich, dass in der "Thitz Welt" selbst das Buch zur Tüte und die Tüte zum Buch wird.
Thitz, der als Matthias Schemel 1962 in Frankfurt geboren wurde ist also - indianisch gedacht - der, der mit der Tüte malt. Dabei fungiert diese nicht nur als Malgrund, sie ist auch zentraler Bestandteil seiner Collagen und sie wird genauso auf Büttenpapier wie auf Leinwand aufgebracht.
Die ersten Tütenbilder entstanden 1985, also bereits während seines Studiums der Malerei bei Prof. K.R.H. Sonderborg an der staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart. Die Frage, wie denn die Kunst zur Tüte oder die Tüte zur Kunst kam, beantwortet eine kleine Begebenheit, die - wenn sie nicht stimmt - so doch gut erfunden ist. Angeblich fehlte ihm auf einer Zugfahrt durch Indien das Papier für eine Zeichnung, nur eine Tüte war als Ersatz dafür zur Hand. Sie wurde in der Folge sowohl Malgrund als auch Objekt seiner Kunst. Dieses Bemalen und Überzeichnen, das Aufkleben von Tüten auf einen Untergrund, die Gestaltung von comicartigen Stadtlandschaften unter dem Einsatz von Tüten - all das sehen Sie heute hier. Und: Die Papierbeutel werden nicht nur aufgeklebt, sondern auch in die Bilder hinein gemalt. Dort fliegen sie durch den Raum oder sie stehen inmitten einer "Green City" wie das hier drüben im Bild Nr. 11 der Fall ist.
Die ersten beiden Bilder dieser Ausstellung, die "Tütenliga" und die "Tütenspedition" mit ihren kleinen Butterbrottüten bilden einen schönen Auftakt für die Ausstellung. Auf diesen kleinen Wundertüten führt Thitz einen Teil seiner Figuren- und Dingwelt vor und schon hier beginnen wir zu ahnen, dass der Künstler in diesen Weltbildern eine allgemeingültige Bildsprache erschafft, eine internationale Zeichensprache, die für alle Menschen verständlich ist.
Es folgen die Großstadtbilder, die man als Wimmelbilder für Erwachsene bezeichnen könnte. London, Paris, New York, Köln - Thitz führt uns zu den Sehenswürdigkeiten dieser Orte, doch mehr als ein Reiseleiter ist er ein Geschichtenerzähler, der mit seinem schnellen, zupackenden Strich auch von all den kleinen Ereignissen berichtet, die sich um diese Wahrzeichen herum ereignen. Diese Städte offenbaren dem Betrachter eine Vielzahl von geheimen Botschaften und manchmal übermitteln sich diese durch kleine Texte. So ist dem Köln Bild "Utopian Civilizations. Green City" ein Zitat des deutschen Philosophen und Publizisten Richard David Precht beigefügt, der sagt: "Wir brauchen nicht mehr Zeug, wir brauchen jetzt mehr Zeit". Wesentlich ist auch, dass das, was im Zentrum der Komposition passiert, genauso wichtig ist, wie das Randgeschehen. Die Henkel der Tüten verweisen darauf, dass sich diese Gestaltungen endlos weiter über den Bildrand hinaus fortsetzen könnten. Und nicht nur die Komposition, auch die Farbe will die Atmosphäre der Stadt abbilden. So hat London auch nebelige Tage und Köln ist deutlich grauer als Paris und New York.
Auch wenn wir zunächst einmal in die Wucht der expressiven Farben eintauchen, so ist doch unverkennbar, dass Thitz eine geradezu unbändige Freude am Zeichnen, am Grafischen, also am Spiel der Linie hat. Man kann sich gut vorstellen, wie er vom großzügig Geformten ins immer Kleinteiligere kommt. Sicherlich bilden für ihn die Werbeaufdrucke der Tüten eine Quelle der Inspiration. Auch wenn der Großteil ihrer Fläche durch Farbe und Linie so bedeckt ist, dass fast nichts mehr von ihrem ursprünglichen Aussehen übrig bleibt, so können wir doch kleine Fragmente aufgedruckter Werbeslogans erkennen, die in witziger Weise in die Gesamtkomposition integriert werden. Von einem weiteren Bestandteil der Papierbeutel sehen wir deutlich mehr, und ich habe es schon angesprochen: Die Henkel spreizen sich in alle Himmelsrichtungen vom Bildrand ab und erinnern an das, was unter dieser Explosion von Farbe und Linie verborgen liegt.
Wie Thitz zur Tüte kam, wissen Sie bereits, doch warum fesselt ihn dieser Alltagsgegenstand nun schon seit rund 30 Jahren? Lassen wir den Künstler dazu zu Worte kommen: "Ich suche nach Gemeinsamkeiten unter den Erdenbürgern, die sich unabhängig von Politik, Wirtschaft, Kultur oder Religion vor allem im alltäglichen Leben zeigen. Der Alltagsgegenstand Tüte ist nur ein Element einer bereits vorhandenen "globalen Kultur", welche bereits heute existiert! So trägt z.B. ein Mensch in Odessa genauso wie etwa ein Stuttgarter sein eingekauftes Brot in der Tüte heim. Kunst ist heute eine der wenigen Möglichkeiten, um diese Gemeinsamkeiten darzustellen und so vielleicht unsere Sprache eine Winzigkeit weiterzuentwickeln. " sagte Thitz.
In gewisser Weise ist die Papiertüte ein Kulturgut, das die absolute Demokratisierung eines Alltagsobjekts verkörpert. Ihr Gebraucht geht durch alle gesellschaftlichen Schichten. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass eine Brottüte für einen Obdachlosen natürlich eine ganz andere Wertigkeit hat, als für eine flanierende Dame auf shopping tour.
Viel wurde schon über Thitz geschrieben, er wurde auch bereits als Pop-Art Künstler bezeichnet. Diese Beschreibung finde ich gar nicht so falsch, bestand doch bei der ersten Generation dieser Künstler in den 1950er Jahren ein großes Bedürfnis, die Kluft zwischen Alltag und Kunst zu überwinden und das urban geprägte Leben der Massen- und Konsumgesellschaft ins Bild zu holen. Die Pop-Art Künstler waren stark von der Werbung inspiriert und bezogen Dinge des täglichen Lebens, banale Alltagsgegenstände und Konsumgüter ins Bild, um eine völlig neue Ästhetik zu schaffen. Der Amerikaner Robert Rauschenberg, der als so etwas wie der Vorreiter der Pop Art gilt, meinte, dass ein Bild dann "wirklicher" wird, wenn es aus Teilen der "wirklichen Welt" gemacht ist. Thitz würde daher sicherlich - in Anlehnung an ein berühmtes weiteres Zitat von Rauschenberg sagen: "Ein paar Tüten sind als Material für ein Bild nicht weniger geeignet, als Holz, Nägel, Terpentin, Ölfarbe und Stoff".
So erleben wir hier die globalisierte Welt, die Welt des Konsums, der Medien und der Werbung. Eine Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint, die ständig in Bewegung ist, in der sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen permanent wandeln. Blicken Sie nur auf das Bild Nr. 18, es trägt den Titel "N.Y. Web City" und führt uns nun mitten hinein in die Straßenschluchten, in diesen urbanen Dschungel, in die schrille Buntheit der Stadt. In diesem polyglotten Kosmos finden wir Menschen aller Hautfarben, jeglichen Alters und Geschlechts. Sie strecken ihre Köpfe aus den Fenstern und Türen und fast alle blicken fröhlich in den Tag. Doch hier ist nicht alles "eitel Sonnenschein". Es gibt es auch Brüche, die uns aufhorchen lassen. Unter dem Eindruck des schrecklichen Attentats in Paris hat Thitz "Je suis Charlie" in diese beiden Arbeiten (auf dem Boden Nr. 21 und "Paris Parc" Nr. 6) hineingeschrieben. Der Satz reißt uns aus der Welt der Phantasie heraus und schleudert uns zurück in die Brüchigkeit unserer realen Welt.
Sehr geehrte Damen und Herren, "Kunst rettet die Welt" ist auf einem - hier nicht ausgestellten Werk - des Künstlers zu lesen. Angesichts der aktuellen Zerstörung assyrischer Kunst durch die Terrormiliz IS kann dies als eine wunderbare Vision begriffen werden." Antje Lechleiter, Freiburg 2015
Thitz
Thitz und mich verbindet nicht nur der heutige Wohnort des Künstlers, Winterbach, wo ich aufgewachsen bin. Vielmehr kenne ich – obwohl erst Anfang letzten Jahres nach verschiedenen Studien- und Arbeitstationen ins Remstal zurückgekehrt – Thitzs Kunst schon lange. Es muss Anfang der 1990er Jahre gewesen sein, als ich das erste Mal den markant gekleideten Künstler – damals noch mit Hut – und seine charakteristischen Tütenbilder gesehen habe. Ob es bei Schemels in der Galerie in der Mühle in Schornbach oder bei einer Ausstellung in Schorndorf war, daran kann ich mich nicht erinnern, doch die farbenfrohen, Lebensfreude ausstrahlenden Arbeiten des Künstlers blieben mir im Gedächtnis.
Aufgrund dieser frühen Begegnung mit Arbeiten von Thitz freut es mich besonders, dass in der Waiblinger Ausstellung nicht nur aktuelle Arbeiten, sondern Werke ab den 1990er Jahren bis heute vertreten sind. Und als Kunsthistorikerin – also nicht Kunstwissenschaftlerin – empfinde ich es, ganz abgesehen von meinen persönlichen Erinnerungen, als großen Gewinn, dass wir Besucherinnen und Besucher hier im Druckhaus Waiblingen Thitzs künstlerische Wege über einen Zeitraum von rund 15 Jahren verfolgen können. Es gibt über diese lange und sicher nicht nur künstlerisch sondern auch menschlich sehr intensive Zeit – wir sehen hier Arbeiten vom Beginn seiner Künstler-Karriere und ganz aktuelle Werke eines international gefragten Künstlers – viele Konstanten. Beispielsweise Thitzs typischen eher zeichnerischen denn malerischen Stil, seine höchst intensive Auseinandersetzung mit der ihn umgebenden Welt und natürlich die Arbeit mit Tüten als Bildträger. Gleichzeitig lassen sich beim Gang durch die Ausstellung auch sehr schön Veränderungen z. B. im Umgang mit dem Farbmaterial, stilistische Weiterentwicklungen, das Aufgreifen neuer Themen und auch leichte Veränderungen seines Blicks auf die Welt beobachten.
Eine Hauptkonstante der Kunst von Thitz ist die zeichnerische und malerische Verarbeitung der den Künstler ganz unmittelbar betreffenden Umwelt. Seine Arbeiten gehen vom konkret Sichtbaren aus und sind aufs Engste mit seinem eigenen Leben verwoben. Thitz reflektiert in seinen Werken Orte, die ihn faszinieren, und zeigt häufig Menschen, die ihn auf seinem Weg begleiten, so findet man in vielen seiner Zeichnungen und Gemälde Selbstbildnisse oder auch Porträts seiner Familie. Der Künstler und sein Leben sind nicht nur visuell aufs engste mit seinem Werk verbunden. Thitz zeigt uns seine individuelle Sicht auf die Welt und überführt diese durch seine Kunst in eine der Öffentlichkeit zugängliche, dem Betrachter zur Identifikation angebotene Vision vom Leben.
Ein weiteres wesentliches Moment für Thitzs Bildwelt ist seine Faszination für das Reisen, seine große Neugier auf und Offenheit für verschiedene Städte, Kulturen und auch Landschaften. Überrascht haben mich bei unserem gemeinsamen Rundgang durch die Ausstellung vor allem die Landschaftsaquarelle, da diese sich nicht nur aufgrund der Motivik sondern auch durch die gewählte künstlerische Technik von den berühmteren Stadtbildern des Künstlers unterscheiden. Entstanden sind diese Blätter – etwa die im Treppenaufgang gezeigten Aquarell-Impressionen der Weite Andalusiens – beim Zeichnen vor Ort. Es handelt sich also um sehr direkte künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Gesehenen und mit den Gefühlen, die der Künstler beispielsweise beim Beobachten eine Gewittersturms empfand. Wunderbar treffsichere und poetische Darstellungen verschiedener Orte und Kulturen gelangen Thitz auch in den auf Reisen durch Marokko oder Indien entstandenen, luftigen Zeichnungen, in denen der Papiergrund häufig frei steht, während sich die Aquarellfarbe um einzelne, besonders prägnante Motive verdichtet. Die in der Ausstellung gezeigten Aquarelle legen offen, dass das Naturstudium, das heißt das unmittelbare, zeichnende Erfassen der Umwelt, Ausgangspunkt des Schaffens von Thitz ist. Der ersten Aneignung des Gesehenen in der Zeichnung folgt dann im Atelier die künstlerische Fruchtbarmachung des Motivschatzes. Damit praktiziert der Künstler zunächst einmal eine sehr traditionelle Vorgehensweise: Reiseskizzen bieten seit dem 16. Jahrhundert – Albrecht Dürer – Ausgangspunkt für Städtebilder und Landschaftsszenerien. Thitz aktualisiert die beiden künstlerischen Gattungen „Landschaft“ und „Vedute“ jedoch durch seine Art der Weiterverfolgung der vor Ort gesammelten Motive, insbesondere durch deren Verbindung mit Fundstücken aus der zeitgenössischen Alltagskultur. Dabei tragen zum einen materielle Trouvaillen – meist sind es Tüten aus aller Welt, wir sehen aber auch verschiedenes Kartenmaterial als Bildträger oder Malereimerdeckel – zum anderen tragen auch sprachliche Verweise auf gegenwärtig präsente Themen wie Globalisierung oder Umweltschutz zur Verortung im Jetzt bei. Der Künstler verleiht auf so den Arbeiten auf zweifache Weise inhaltliche Prägnanz: das intensive eigene Erleben und Erfassen eines Ortes präzisiert die künstlerische Form, darüber hinaus vermittelt die Arbeit mit unseren Alltag prägenden Gegenständen und Textfragmenten den Darstellungen große Aktualität.
Meist ist auf den Städtebildern das Hauptmotiv rasch zu entschlüsseln: Thitz macht sich touristische Klischees zunutze und setzt auf den Wiedererkennungseffekt weltberühmter städtebaulicher Punkte wie den Eiffelturm, die Tower Bridge oder die Gegend um den Times Square in New York. Doch laden beim genaueren Hinsehen die überbordende Motivfülle und die aus sich vielfach überlagernden, übereinander geschichteten Einzelmotiven gestalteten Bildräume dazu ein, die Stadtlandschaften auf verschiedenen Pfaden zu durchschreiten und ganz genau hinzusehen. Es entstehen durch die Interaktion der dargestellten Menschen und Gegenstände sowie die ins Bild eingebrachten Worte vielfältige Assoziationsräume, die durch die geistige Aktivität des Betrachters – unsere Verbindung der Motive mit unseren individuellen Erfahrungen und Stimmungen – ausgefüllt werden. Dabei bieten die zwischen vertrauter Motivik und irritierenden Motivkombinationen, grafischer Präzision und verschleiernder Schichtung changierenden Stadtansichten vielfältige Anknüpfungspunkte für die Projektion unserer eigenen Erlebnissen und Geschichten. Die optische Fülle der Städtebilder, ihre extrem dichte zeichnerische Struktur widersetzt sich der hastigen Rezeption: Thitzs Werke fordern vom Betrachter intensives Sehen, Entdeckerfreude und Offenheit für Mehrdeutiges und auch Unerklärliches.
Mit der visuellen Vielschichtigkeit der Stadtbilder korrespondiert ihre inhaltliche Vielschichtigkeit. Die Stadtansichten wirken durch die farbenfrohe Gestaltung und vor allem die comicartig abstrahiert dargestellten Menschen und Alltagsgegenstände, die miteinander kommunizieren und interagieren, teils mit dem Betrachter Kontakt suchen, zunächst einmal spielerisch und leicht. Die in den Darstellungen transportierte Grundstimmung ist positiv und äußerst lebensbejahend, doch sind in die Arbeiten auch gesellschaftskritische Botschaften eingebunden. Zum einen sind im Dschungel der Motive auch Beobachtungen versteckt, die wie die auf ein besseres Leben in Europa hoffenden Asylbewerber oder der Anblick der zerstörten Twin-Towers in New York, mit der auf den ersten Blick wahrgenommenen Heiterkeit der Bilder wenig gemein haben. Zum anderen ist die vom Künstler formulierte Vision einer „besseren Welt“ derzeit für die meisten auf unserer Erde lebenden Menschen noch keine Realität. Doch kann etwa Thitzs Bild „The better world“, seine Utopie einer Welt, die friedlichen und ökologisch intakten Lebensraum für alle bietet, uns unter dem ebenfalls auf dem Gemälde verzeichneten Motto „yes we can“ anspornen, unseren Teil dazu beizutragen, dass wir der im Bild formulierten Vision näher kommen.
Thitz malt für eine bessere Welt, Sie können Kunst kaufen als konkreten Beitrag zu einer besseren Welt für Kinder in Brasilien und wir alle können beim Gang durch die Ausstellung die Portion Heiterkeit, Farbenfreude und ästhetisches Wohlbefinden tanken, die uns die Welt noch lebenswerter machen.
Frau Dr. Hoffmann Direktorin der Museen Waiblingen
Rede zur Vernissage am 27. Juni 2010 im Galerie im Druckhaus und Zeitungsverlag Waiblingen
Bag Art Global - Tüten und Kunst
„Jede Zeit hat ihre Geste, ihren Blick, ihr Lächeln....“
bemerkte einst Charles Baudelaire.
Ist Thitz – mit einem gelben und einem roten Schuh – frei nach Baudelaire „Maler des modernen Lebens“? Ein Chronist seiner Zeit, seiner selbst? – fähig, unserer Zeit das abzugewinnen, was sie „im Vorübergehen“ an Poetischem enthält?
In unsere Taschen stecken wir Dinge, die uns wichtig sind, die wir behalten, vielleicht auch verbergen wollen. Tüten nehmen wir in die Hand, nehmen wir mit. Mit der Tüte sind wir mobil. Tüten sind Kultgegenstände, Prestigeobjekte, erzählen von sozialem Status und Interesse des Trägers. Ich spreche nicht von Müll- oder Lohntüten, sondern von einem Klassiker, einem Fetisch: der Papiertüte. Designer, Künstler, mitunter auch Kinder gestalten ihre Oberfläche. Schorndorfer Bürger wurden von Thitz dazu aufgefordert, weiße ThitzTüten kunterbunt zu bemalen. Heute begegnen wir hier geschätzten 1200 Künstler-Tüten, die Thitz zu einer grandiosen Installation, zu einem Gesamtkunstwerk vereinte: ein schwebender Globus aus sanft rotierenden Papiertaschen und vier deckenhohe, mit dem Gewicht üppig gefüllter Tüten beschwerte Vorhänge verwandeln die Galerie für Kunst und Technik in ein lebendiges Museum der Phantasie.
Thitz klebt Tüten auf die nackte Leinwand. Seine Gemälde sind Collagen von besonderem Materialreiz. Tüten aus aller Welt liegen unter seinen Stadtlandschaften, in immer neuen Übermalungen entfaltet sich ein faszinierend assoziatives Gedankengeflecht zwischen Tüten und Malerei. Henkel durchbrechen die Leinwand, stehen im Bild oder ragen über die Leinwand hinaus. Henkel scheinen überall griffbereit, als seien die Gemälde selbst Tüten. In dieser Koppelung von scheinbar nicht Zusammengehörendem entstehen neue Bilder der Stadt, ambitionierte Bilder jenseits einer äußerlich sichtbaren Wirklichkeit, Bilder, in denen Gefühle, Spannungen und Stimmungen - vielleicht auch Konsumstress - herausgefiltert werden. Thitz ist ein weit gereister Mann. Ein Tütensammler. In seinen Gemälden jedoch rückt die Welt zusammen. Statt Panoramen aufzuzeigen, zerlegt Thitz die enigmatischen Ansichten in visuelle Bruchstücke und entlockt den Metropolen Momente beunruhigender Schönheit. Manchmal sind Orte mit Erinnerungen verknüpft. Man glaubt, es bliebe etwas von unseren Hoffnungen und Gedanken an den Mauern, an den Wänden haften, als bräuchte die so wenig greifbare Erinnerung einen Ort, an dem man sie aufsuchen kann. Etwas von dieser Flüchtigkeit unseres Lebens ist in den sensiblen Kompositionen von Thitz enthalten. Thitz – Schüler Sonderborgs an der Stuttgarter Akademie – arbeitet klassisch: den Gemälden liegen vorbereitende Skizzen, Aquarelle oder auch Fotos zu Grunde. Geboren in Frankfurt, verbrachte er seine Kindheit in Hedelfingen, einer Nahtstelle – so der Künstler – zwischen Stadt und Land. Der Philantrop – „ich liebe die Menschen“ – der uns im Selbstportrait bunt gespalten wie ein Pierrot begegnet, hat „ein Problem mit dem Chaos“, weshalb es ihn immer wieder in die Stadt treibt – inspirativer Ort des Künstlers schlechthin. Thitz hat Humor, arbeitet - nicht ohne Raffinesse - mit Witz und Ironie. Gleich einem Meister der „ars combinatoria“ läßt er vor unsereren Augen ein kunstvolles Chaos entstehen, aus dem – um es mit Schlegel zu sagen – „eine Welt entspringt“. Seine Malerei scheint fieberhaft, mit aufreizender Farbe fixiert er Gesten und Bewegungen, die sich entladen und die Metropolen aus den Angeln heben. Die Leinwand wird zum Tatort der Malerei, im dramatisch pulsierenden Vor und Zurück seiner Pinselstriche fallen traditionelle Koordinaten – etwa oben und unten, rechts und links – in sich zusammen. In Thitz Bildern scheint die Schwerkraft aufgehoben. In Lasuren trägt er die Farbe auf. Virtuos, Schicht für Schicht durchkreuzen elastische Liniengeflechte die Ebenen, verflechten die Malschichten und lassen tief gestaffelte Bildräume von großer Bewegtheit und aquarellhafter Leichtigkeit entstehen. Feinnervige Linien umspinnen bizarre Fassaden. Spannungsgeladen spielen tiefe Straßenschluchten ineinander – Raum und Fläche werden verwoben, öffnen und verschließen sich. Die Stadt wird zum Kaleidoskop.
Seine schlacksigen Figuren, die sich nach eigengesetzlicher Dynamik aus jeder Umklammerung zu lösen wissen, forcieren den Kontrast, drängen getrieben nach vorne, den Bildrändern entgegen oder entschweben. Lockend oder suchend strecken sie ihre langen Arme und dünnen Finger aus. Thitz Gestalten leben in beständiger Metamorphose. Der Künstler entwickelte einen eigenen Figurentypus, ein Menschenbild. Seine piktogrammartig verkürzten Figuren – ein Stilmittel, das wir aus Comic und Design kennen – vermitteln vermeintlich beschwingte Frische - die beschwingte Frische prosperierender Metropolen? Manche scheinen ausgelassen und heiter, sind weniger ausgeführt als „aufgerufen“, gesampelt, den schnellen Schnitten von Werbespots vergleichbar. Sie schweben lautlos, stürzen oder lärmen wie eine ausgelassene Horde durch die Bilder, völlig in Einklang – so scheint es - mit dem Wachstum des Großstadtdschungels, der sie umgibt. Entwaffnend ist das Ungezwungene ihrer Haltung, die lapidare Direktheit ihrer Erscheinung. Glaube, Liebe, Hoffnung, Love, Spirit, Philosophy, Amor: schreibt Thitz auf seine Gemälde. Wozu? Er ist ein hellwacher Maler. Die Wirklichkeitsbereiche, die er in seinen Bildern miteinander verknüpft, bezeichnen das Spannungsfeld zwischen äußerer Realität und innerer Welt – Welt der Wünsche, Ängste, Träume und Verheißungen. Die von ihm eingefügten Worte scheinen auf den ersten Blick nicht der Konsumwelt entnommen: kann man Liebe kaufen? Es kommt zu einer surrealen Brechung, die doch einer Wirklichkeit entspricht: Text ist überall, auch im Stadtbild, in welchem ein verheißungsvolles Waren- und Wortangebot den gesunden Maßstab für wichtig und unwichtig längst verloren zu haben scheint. Thitz Worte blitzen auf wie schrille Leuchtreklamen oder entweichen organisch der Bildtiefe, durchdringen gleich biomorphen Adern abgründig die Szenerie. Durch das engmaschige, undurchsichtige Netz von Worten werden Architektur und Mensch untrennbar miteinander verwoben.
New York, Paris, Berlin, Venedig – von der Großstadtarchitektur sehen wir nur Versatzstücke. Die Ortsbezüge sind codiert. Dem Künstler geht es nicht um Sehenswürdigkeiten, prägnate Motive oder wiedererkennbare Stadtpläne. Statt dessen bestimmen Rhythmus und ornamentale Prinzipien – Spiegelung, Reihung, Wiederholung - die Komposition. Uneinheitliche Perspektive und mehrseitige Ausrichtung sind Kennzeichen seiner Bilder. Thitz Visionen der Großstadt breiten sich – infiziert, so scheint es, durch die Medienwelt – explosiv über die Bildfläche aus, ohne die Bildgrenzen zu beachten, den „pop ups“ der Internetwerbung vergleichbar. Thitz ist, so glaubt man, fasziniert von der anarchischen Geometrie moderner Städte und der spezifischen Romantik des modernen Lebens. Ein Atem der Sehnsucht entströmt dem Häusermeer, den grellbeleuchteten Straßen, durch die die Menschen suchend und lachend irren. Thitz schildert das Abenteuer Großstadt, den Wahnsinn der Simultaneität unübersehbaren Geschehens, schildert Blicke, die sich suchen, Blicke, die sich verfehlen, Hände, die sich finden. Das all-over seiner subversiven, hochelastischen Pinselzeichnungen erinnert an Grafitti, eine Kunst, die in vermeintlich flüchtiger Hast heimlich an die Mauern des öffentlichen Raumes geworfen wurde. Seine Linien, die sich dynamisch aufblähen und wieder verjüngen, schildern synästhetisch das apokalyptische Nervensystem der Stadt, labyrinthisch, launisch, laut und voller fremder Gerüche. Doch gibt es gerade hier flüchtige Begegnungen voller „Verheißung“, romantischen Nebel über Manhattan und Paris, verwunschene Algen und geheime Zeichen im Wasser der Lagune, „amor“ und eine Tüte im Wind... In Thitz sympathischen Suchbildern, in all diesen Schnitten, Knoten und Collagen aus vermeintlich chaotischen Linien kommt, bei genauer Betrachtung, ein geistiger Ort zum Vorschein, der die Träume dieser Metropolen, ihr utopisches Potential reflektiert, das den Künstler antreibt.
Thitz metaphorisches Spiel, seine geradezu plastischen Visionen der Stadt als Ort der Verheißung enthüllen Mäander einer zutiefst poetischen Phantasie. Er, der es ablehnt, ausgefahrenen Gleisen der Tradition zu folgen, sehnt sich danach, frei von den Attitüden des Kunstmarktes, aus der Kunst - und der Stadt – ein Erlebnis des Staunens zu machen.
Frau Ricarda Geib, Eröffnung der Ausstellung Bag Art Global - Tüten und Kunst in der städtischen Galerie für Kunst , Schorndorf Juli 2009
Text im Buch Wundertüte über das Bild "London the Future is now" 2010
„The Future is now”
Unergründlich sind die schattigen Tiefen der Themse, ein sattes Nachtblau tränkt den Wasserspiegel am Kai der Docklands. Blaue Schatten, blaue Stunde — Farben dringen ein, tief wie Gerüche. Blau ist die Farbe von Himmel und Abgrund, Farbe des Wunderbaren, Farbe der Ferne und des Begehrens — Farbe der Erkenntnis. Sanft und silbrig schimmert die Luft über dem stillen Wasserspiegel, das ausgewaschene Blau der vibrierenden Atmosphäre entgrenzt den Bildraum, amorphe Blautöne rücken Londons Horizont in beunruhigende Ferne. Blau markiert den Sog der Sehnsucht.
„Denn alle Wasser sind über die Ufer getreten, die Flüsse haben sich erhoben, die Seerosen sind gleich hundertweis erblüht und (hundertweis) ertrunken“, berichtet Ingeborg Bachmann in ihrer Erzählung „Undine geht“. Nach einem Jahrhundert der Katastrophen und Überschwemmungen hat sich die Themse dem Meer geöffnet. Thitz ? Vision einer Wasserstadt im ehemaligen Londoner Hafen, das 2010 abge- schlossene großformtige Acrylgemälde „The future is now“, beschreibt ein morbides Szenario in Blau mit irritierenden Lockungen. Erzählt Thitz von der Lust am Untergang? Nervöse Gestalten in elastisch biegsamen Körpern erkunden ihre Fluchtburgen in den Türmen des alten Hafens. Im Becken treibt, fern einer kleinen braunen Designertüte, Ophelia — Femme fragile, Femme fatale, bedrängt von Fish & Chips, wie eine letzte Blüte der Stadt, wie eine „schmale Lilie, die das Wasser wiegt“ (Rimbaud). Mit suggestivem Pinselstrich modelliert Thitz eine Vision, ein futuristisches Profil der Docklands mit ihren Speichern, Atrien, poppigen Luxus-Appartements und Hightech-Palästen an der Skyline. Thitz zeigt Bauten aus Marmor, Glas und Stahl, manches im Maßstab effektvoll übersteigert. Als steile Diagonale schieben sich schwere Brückenpfeiler mitten ins Bild und verwandeln die Metropole London zur bizarren Wasserstadt, zur irren City des dritten Jahrtausends — mit Tower Bridge und der Kuppel von St. Paul’s im Off.
In unsere Taschen stecken wir Dinge, die uns wichtig sind, die wir behalten, vielleicht auch verbergen wollen. Tüten nehmen wir in die Hand, nehmen wir mit. Mit der Tüte sind wir mobil. Tüten sind Kult- gegenstände, Prestigeobjekte, erzählen von sozialem Status und Interessen des Trägers. Thitz klebt Tüten auf die nackte Leinwand. Seine Gemälde sind Collagen von besonderem Materialreiz. Tüten aus aller Welt liegen unter seinen Stadtlandschaften, in immer neuen Übermalungen entfaltet sich ein faszi- nierend assoziatives Gedankengeflecht zwischen Tüten und Malerei. Henkel durchbrechen die Lein- wand, stehen im Bild oder ragen über die Leinwand hinaus. Henkel scheinen überall griffbereit, als seien die Gemälde selbst Tüten. In dieser Koppelung von scheinbar nicht Zusammengehörendem entstehen neue Bilder der Stadt, ambitionierte Bilder jenseits einer äußerlich sichtbaren Wirklichkeit, Bilder, in denen Gefühle, Ahnungen, Spannungen und Stimmungen herausgefiltert werden. Thitz reist gerne. Ein Tütensammler. In seinen Gemälden jedoch rückt die Welt zusammen. Statt Panoramen aufzuzeigen, zerlegt Thitz die enigmatischen Ansichten in visuelle Bruchstücke und entlockt den Metropolen Momente beunruhigender Schönheit. Manchmal sind Orte mit Erinnerungen verknüpft. Man glaubt, es bliebe etwasvon unseren Hoffnungen und Gedanken an den Mauern, an den Wänden haften, als bräuchte die so wenig greifbare Erinnerung einen Ort, an dem man sie aufsuchen kann. Etwas von dieser Flüchtigkeit unseres Lebens ist in den vibrierenden Kompositionen von Thitz enthalten. Seine Malerei scheint fieberhaft, mit aufreizender Farbe fixiert er Gesten und Bewegungen, die sich entladen und die Skyline aus den Angeln heben. Die Leinwand wird zum Tatort der Malerei, im dramatisch pulsierenden Vor und Zurück seiner Pinselstriche fallen traditionelle Koordinaten — etwa oben und unten, rechts und links — in sich zusam- men. In Thitz ? Bildern scheint die Schwerkraft aufgehoben. In Lasuren trägt er die Farbe auf. Virtuos, Schicht für Schicht, durchkreuzen elastische Liniengeflechte die Ebenen, verflechten die Malschichten und lassen tief gestaffelte Bildräume von großer Bewegtheit und aquarellhafter Leichtigkeit entstehen. Feinnervige Linien umspinnen bizarre Fassaden. Spannungsgeladen spielen Abgründe ineinander — Raum und Fläche werden verwoben, öffnen und verschließen sich. London wird zum Kaleidoskop. An den Fassaden der Stadt ergänzen sich Gelb und Orange zu einer Apotheose des Lichts und der Wärme. Draußen auf dem Meer wird es kalt. Im Dialog zwischen Natur- und Kunstlicht entfaltet Thitz die unfass- bare Flüchtigkeit der „blauen Stunde“.
„Peace“, „Spirit“, „Wisdom“ und „Future“ schreibt Thitz auf sein Gemälde. Wozu? Wir finden Worte im Wasser, ein Ziffernblatt am Himmel: „Time“. Die Wirklichkeitsbereiche, die Thitz in seinen Bildern mitein- ander verknüpft, bezeichnen das Spannungsfeld zwischen äußerer Realität und innerer Welt — Welt der Wünsche, Ängste, Träume und Verheißungen. Die von ihm eingefügten Worte scheinen auf den ersten Blick nicht der Konsumwelt entnommen: Kann man Frieden, kann man Zeit kaufen? In „The future is now“ kommt es zu einer surrealen Brechung, die doch einer Wirklichkeit entspricht: Text ist überall, auch im Stadtbild, in welchem ein verheißungsvolles Waren- und Wortangebot den gesunden Maßstab für wichtig und unwichtig längst verloren zu haben scheint. Thitz ? Worte blitzen auf wie schrille Leuchtreklamen oder entweichen organisch der Bildtiefe, durchdringen gleich biomorphen Adern abgründig die Szenerie. Durch das engmaschige, undurchsichtige Netz von Worten, die Himmel und Themse tätowieren, werden Mensch und Stadt untrennbar miteinander verwoben.
Thitz überzieht das neue London mit einem Fluidum, einem verwunschenen „Sfumato“. Meisterhaft modelliert er das Licht, sensiblen Farbspielen entweicht ein strahlendes Leuchten. Farbe überflutet bisweilen malerisch ganze Bildbereiche, lose Pinselstriche unterbrechen die Bewegung, schaffen zeitliche Initialen — gleichen stehenden Sekunden. In einem schmalen Spektrum rangiert die Mehrheit der Tönungen und gerade diese Beschränkung verleiht „The future is now“ eine zarte Helligkeit und luftige Weite, die das dunkle Gewicht der mächtigen Architekturen nicht leugnet. Dinglich schwer bleiben die tiefen Schatten der wuchernden Stadt. Durch die gesteigerte Riesenhaftigkeit der schwarzen Industriekulisse wird offenbar, was Turner die „ganze Kleinheit des Menschen“ genannt hatte, im physischen und moralischen Sinne. London, Paris, Berlin, Venedig — von den Highlights der Großstadtarchitektur sehen wir nur Versatzstücke. Thitz ? Ortsbezüge sind codiert. Dem Künstler geht es nicht um prägnante Motive oder wiedererkennbare Stadtpläne. Statt dessen bestimmen Rhythmus und ornamentale Prinzipien — Spiegelung, Reihung, Wiederholung — die Komposition. Uneinheitliche Perspektive und mehrseitige Ausrichtung sind Kenn- zeichen seiner Bilder. Thitz ? Visionen der Metropole breiten sich — infiziert, so scheint es, durch die Medienwelt — explosiv über die Bildfläche aus, ohne die Bildgrenzen zu beachten, den „Pop-ups“ der Internetwerbung vergleichbar. Thitz ist, so glaubt man, fasziniert von der anarchischen Geometrie expand- ierender Städte und der spezifischen Romantik des modernen Lebens. Ein Atem der Sehnsucht entströmt dem Häusermeer, den grellbeleuchteten Straßen, durch die die Menschen suchend und lachend irren. Thitz schildert das Abenteuer Großstadt, den Wahnsinn der Simultaneität unübersehbaren Geschehens, schildert Blicke, die sich suchen, Blicke, die sich verfehlen, Hände, die sich finden. Das All-over seiner subversiven, hochelastischen Pinselzeichnungen erinnert an Grafitti, eine Kunst, die in vermeintlich flüchtiger Hast heimlich an die Mauern des öffentlichen Raumes geworfen wurde. Seine Linien, die sich dynamisch aufblähen und wieder verjüngen, schildern synästhetisch das apokalyptische Nervensystem der Stadt, labyrinthisch, launisch, laut und voller fremder Gerüche. Seine schlacksigen Figuren, die sich nach eigengesetzlicher Dynamik aus jeder Umklammerung zu lösen wissen, forcieren den Kontrast, drängen getrieben nach vorne, den Bildrändern entgegen oder entschweben. Lockend oder suchend strecken sie ihre langen Arme und dünnen Finger aus. Thitz entwickelte einen eigenen Figurentypus, ein Menschenbild. Seine piktogrammartig verkürzten Figuren — ein Stilmittel, das wir aus Comic und Design kennen — vermitteln vermeintlich beschwingte Frische, die beschwingte Frische abgründig prosperieren- der Metropolen. Manche scheinen ausgelassen und heiter, andere ungelenk, sind weniger ausgeführt als „aufgerufen“, gesampelt, den schnellen Schnitten von Werbespots vergleichbar. Sie schweben laut- los, stürzen oder lärmen wie eine ausgelassene Horde durch die Bilder, völlig in Einklang — so scheint es — mit dem Wachstum des Großstadtdschungels, der sie umgibt. Entwaffnend ist das Ungezwungene ihrer Haltung, die lapidare Direktheit ihrer Erscheinung. Doch gibt es gerade hier flüchtige Begegnungen voller „Verheißung“, verwunschene Algen und geheime Zeichen im Wasser des Hafens, „peace“ und eine Tüte im Wind ... In Thitz ? sympathischen Suchbildern, in all diesen Schnitten, Knoten und Collagen aus vermeintlich chaotischen Linien kommt bei genauer Betrachtung ein geistiger Ort zum Vorschein, der die Träume dieser Metropolen, ihr utopisches Potenzial reflektiert, das den Künstler antreibt.
Thitz' metaphorisches Spiel, seine geradezu plastischen Visionen der Stadt als Ort der Verheißung enthüllen Mäander einer zutiefst poetischen Fantasie.
Ricarda Geib, Stuttgart März 2010 Text im Buch Wundertüte über das Bild "London the Future is now" 2010


Exhibition „Bag Art“ at Cultural Center of the City of Athens, Paintings and objects by Thitz
(part of the speech on the opening of the exhibition)
……A most natural reaction when entering an exhibition is for a visitor to place an artist and his creations into the landscape of our own very personal experience. It is very rare to see works of art which seem without precedence, isola¬ted form the steady and continuous flow of art history. Have we seen works like Thitz's before? This afternoon, I finally stopped torturing my brain to squeeze out the name of an American artist of Caribean origins.
In fact I do see Thitz work well integrated into a stream of contemporary art. And yet, I hasten to add that he takes a lead in that field, because he does it particularly well, with great skill and depth of analysis and creative mission.I suppose, if we were to choose a label, we might see Thitz against the back¬ground of new pop art revival. We do see familiar elements in his reflection of the attributes of our consumers' society, which like Coca¬Cola bottles, Cambells' soup tins or Brillo boxes became the celebrated objects of the popart movement in the 80's of the 20th century. The integration of textual material was also a characteristic of the move¬ment.
And yet, I personally felt, when coming to see Thitz's paintings earlier today, that they had reached another level of reflection: The spiral seems to have moved up one or two levels of conciousness. Objects and messages of our consumer world no longer appear as isolated idols , but very much so as elements of a more complex scenery. They now have become elements of networks, cityscapes. The attributes of modern popular culture belong no less to the struc¬tural matrixes of the metropolis than architectural walls and fassades.Paris, I feel tempted to sing to you one of my favourites Parisian chansons: Sous le ciel de Paris s'envole une chanson, oui oui:If, for example we regard for a monent the painting showing us the River Seine flowing under a bridge. we do recognize the Pont de la Mairie. But the walls of the city and the message have moved in to create a much denser environment than we would actually find around the original. We, being all of us Paris lovers, I presume, are familiar with the scene, and yet Thitz reminds us that our world has changed, that beyond architectural traditions, our city scape, new meanings have entered the stage to determine our collective existence.We recognise the obejects of Pop art, and yet they seem, if once, in the 20th century, they had been presented to us with an air of tranquility and reass¬urance, they now reappear in a much more nervous context. For how much longer will resources be available to produce all of these wonderful modcons?
Modcons which have rendered our lives so much easier, it seemed? Pop world revisited is a world under great pressure. It is a world of of resource scarcity and allocation. How could New Pop art not be an art reflecting these existential concerns, an epoch of crisis and, we must fear, conflict? New Pop comes with some sweet memories, but on board is also an even greater sense of urgency.In this painting I was pleased to see a Challagian figure floating through the sky, a reference if not a reverence to the centrality of the human individual in earlier periods of modern art.New York, another city of my life, there truly I did it my way:Start spreading the news,'I 'm leaving today,I want to be part of it, New York, New York ... (singing)
Thitz was in New York on 9/11. He is now presenting to us a panorama of Manhattan, which we do recognise and yet a different picture. The twin towers of the World Trade Center are gone. Timidly, it seems, a new freedom tower may sprout from the rocky ground of Manhattan Island. The famous skyline is represented in a rather moderate way. What we see, above all, is the reemergence of the people. They are no longer hidden inside their rabbit cages, but they are looking at us seeking to communicate with us, us, their brethren in a globalised world.
In this Thitz is a protagonist of a much wider stream of contemporary art, which is the reemergence of the human individual and of human collectives as the focal point of artistic creation. The human and humanity are back in town, in art. It seems that in new pop art the hu¬man is reinstalled back into his place, which classically speaking is his as of right. The human, and ...humanity.Speaking of the human place in art, I feel that the time has come to walk on a few steps to a painting which reflects Thitz's personal perception of Athens.
Artistic expression in classical ages reached an amazing variety of forms and contents. But surely in the 5th century B.C. they had in common a concentration of analysis and expression on the human body. And I should hasten to add: on the human mind, and soul. The painting which Thitz has collaged in the centre of Athens may well be by the one by Raphael possibly showing Saint Paul, possibly also Saint James, maybe in a fictitious way even Platon or his spirit. Philosophy for sale? Is this the state of Athens in our times? In classical Athens the „philosophy for sale“ was a very sensitive issue. Platon and his academics despised the sophists for offering their wisdoms for money. And yet, I personally find in the teachings of sophists like Protagoras an insight into human existence which often seems more realistic than the idealisms of the academy. There is surely no less truth in art than in rationality.The classical age opened the spectrum for defining human identity between the poles of rationality and irrationality, logos and mythos, philosophy and the arts. The Acropolis, like no other monument, bears witness to this dialectic which has especially set the stage for the evolution of European identity. In contemplating the artworks created by Thitz we may become particularly conscious of these our roots.
Thitz, a painter, but also a thinker. Thinking is very clearly and obviously an important source of artistic creation. I firmly believe that great art works regularly reflect brilliant minds, the intelligence of the creator. Intelligence for me is a measure to distinguish good art from rubbish. But then it is also true that art is a powerful source of intelligence, of logical and philosophical thinking, even though less conspicuously than is the influence of logical thinking of art. If it is less evident, this follows logically from the fact that the impact of art can¬not be expressed in terms of the logos, only in the idiom of art.BagArt. A characteristic trend of renaissance paintings were the vanities, paintings reminding the onlooker of his mortality and admonishing him to live his life accordingly, to embrace the nearness of death as his guidance.
In BagArt Thitz represents not vanities, but opportunities. The various images on his bags seem like promises, even though empty promises. Thitz' bags are, however, an appeal to all of us that we must not succumb to the prefabricated promises of our supermarkets' and discoun¬ter world. He has invited dozens of Athenians to decorate these bags, a remarkable series of individualized promises. They show us states of well-being and experiences which the creators of these images wish us. I see in them signals of human solidarity which have become ever the more important in our times of crisis. But it is for us to accept these wishes and to fill these forms with content.
Start spreading the news !
Guy Féaux de la Croix ATHEN 2008 (Vice Consul of the Federal Republic of Germany in Athens)
Zwischen Tütenkino und Bag City
Die Welt des Malers Thitz
„Zwischen Tütenkino und Bag City“ – Die Welt des Malers Thitz
Zur Ausstellung in der Städtischen Galerie im Kulturforum, Freitag 20. Januar 2006
„Bunt und farbig sind sie, die Menschen in ‚Bag City‘, rote und gelbe, grüne und braune Menschen, mit Locken oder langem, strähnigem Haar, das wild hinter ihnen herflattert. … alles scheint denkbar in den Städten und Landschaften von Thitz.“ So schildert Dr. Stephan Mann, Leiter des Museums in Goch am Niederrhein, die farbenfrohe Welt des Malers.
Den Auftakt unserer Ausstellung bildet das Offenburg Bag Art Project, an dem sich weit über 700 Menschen aus Stadt und Region, darunter auch unsere jüngsten Künstler in Schulen und Kindergärten, beteiligt haben. Wir freuen uns sehr darüber und bedanken uns von ganzem Herzen für die witzigen, ironischen und vor allem mit viel Liebe gestalteten Tütenkreationen! Von der minimalistischen Zeichnung über reale Trompeten und Stofftiere bis hin zu Gedichten, Pralinen und kunterbunter Malerei spannt sich das fulminante Spektrum der Tütenerfinderinnen und –erfinder. Es ist schlicht überwältigend!
Neben diesem Gesamtkunstwerk mit seinen vielen Facetten hat der Künstler eigene Installationen aufgebaut, und zwar begehbare Riesentüten. Im sogenannten „Tütenkino“ werden Filme gezeigt, die Thitz gemeinsam mit Kollegen aus der Filmbranche gedreht hat.
Im dritten Raum treffen sich Gemälde und Objekte: die Erdkugel auf einer Landkarte, wie sie früher in der Schule verwendet wurden, eine Künstlerkrone, bemalte Schuhe, natürlich in rot und gelb, dem Markenzeichen von Thitz. Und dort begegnen Sie dann Leonce, einem freundlich lächelnden jungen Mann – diese Figur, in gemeinsamer Arbeit mit Katharina Trost entstanden, gehört zum Bühnenbild von Georg Büchners „Leonce und Lena“ im Jungen Theater Zürich, zwei weitere Figuren aus diesem Projekt haben inzwischen ihren Platz in der Sammlung Frieder Burda in Baden-Baden gefunden.
Hier in diesem Raum sehen Sie einen meterlangen Tütenfries aus vielen kleinformatigen Bildern auf Brottüten, sie zeigen Menschen und Tüten aus aller Welt. Bilder auf Leinwand und Aquarelle auf Papier finden wir in den anschließenden Räumen, darunter auch zauberhafte Landschaften mit Motiven aus Andalusien, Nordafrika und Nepal. Diese vor Ort entstandenden, rasch aufs Blatt gesetzten Aquarelle beeindrucken durch Spontaneität und Virtuosität - ihre Handschriftlichkeit läßt den Betrachter ganz unmittelbar am Erlebnis des Sehens und Geschehens teilhaben. Leichtigkeit und Dynamik des Pinselstrichs offenbaren eine hoch entwickelte Malkultur, die ebenso in den großen Leinwänden zu entdecken ist.
Die künstlerische Arbeit von Thitz heißt in erster Linie und vor allem anderen „nach Herzenslust Geschichten malen“. Und zwar Geschichten von und mit Menschen, Geschichten aus großen Städten. Mit schnellen Strichen entstehen Figuren, die man einfach gern haben muß. Sie sind nicht perfekt, haben oft viel zu lange Arme, brauchen diese aber notwendigerweise, um die Welt und andere Menschen zu umarmen oder anderweitig in Besitz zu nehmen. Bei aller Lust an Farbe sind es filigrane Zeichnungen mit zarten Verästelungen und Ornamenten, immer wieder begegnen uns Gesichter mit großen, weit geöffneten Augen, Menschenkinder in allen Größen, Formen und Hautfarben.
Thitz bezieht in seinen Werken stets den Alltag mit ein, wobei für ihn das Alltägliche nicht nur grau und einerlei ist, sondern voller bunter Gestalten und Ereignisse, und damit letztlich voller Wunder. Und zum Staunen will er uns bringen! Er läßt uns einen neuen Blick auf die Welt werfen, zeigt uns Fassaden und Tüten voller Reklame, setzt die überbordende vielfarbige Warenwelt ins Bild, lenkt unsere Augen aber auch auf vermeintlich Nebensächliches, ja auf kleine, scheinbar banale Dinge. Letztlich schafft er es dabei, die ausufernde Welt der Städte, die vielfach als chaotisch und menschenfeindlich empfunden wird, wieder für die Menschen zu gewinnen. In seinen Bildern – auch wenn es wie Steinwüsten wirkende Hochhausschluchten sind – gelingt es den Menschen immer wieder, sich ins Gespräch zu bringen und dabei von den Städten und Landschaften auf ihre Weise Besitz zu ergreifen.
Die Vorbereitung dieser Ausstellung hat viel Freude und viel Arbeit gemacht. Lieber Thitz, ich danke Ihnen von Herzen für Ihre wunderbaren Bilder und vor allem auch für das Offenburg Bag Art Project – die vielen strahlenden Augen und lächelnden Gesichter heute abend lassen den Januar da draußen fast vergessen! Ganz besonders danken möchte ich dem gestern in Windeseile gegründeten Tütenaufbauteam, das mit großer Schlagkraft und Energie das Tütenprojekt in seiner jetzigen Form fertiggestellt hat. Ein herzliches Dankeschön an alle Helferinnen und Helfer!
Zum Schluß möchte ich noch einmal Stephan Mann zitieren, er schreibt: „Die Erschaffung der Thitzwelt ist ein künstlerisches Signal an unsere Gesellschaft, den Glauben an eine bessere gemeinsame Zukunft nicht aufzugeben. Der Künstler erblickt diese Hoffnung und setzt sie in eine facettenreiche und farbenfrohe Bildsprache um. Es bleibt beim Betrachter und bei all jenen, die in der Lage sind, diese Welt zu betreten, diese Hoffnung aufzunehmen, wohl wissend, daß es eine Welt mit doppeltem Boden bleibt.“ Diesen Gedanken kann ich mich nur anschließen. Ich danke Ihnen herzlich fürs Zuhören und wünsche Ihnen viel Spaß und Freude „Zwischen Tütenkino und Bag City“.
Frau Gerlinde Brandenburger-Eisele (Museum Offenburg)
Wollen Sie eine Tüte oder geht es so?
Prof. Helmut Linneweber-Lammerskitten
Die Frage „Wollen Sie eine Tüte oder geht es so?“ ist natürlich doppelbödig, wie ja eigentlich auch alle guten Tüten selbst doppelbödig sind. Es kann sich um das spätabendliche Angebot eines Dealers an einer Tramhaltestelle in der City handeln, oder um das hilfreiche Anerbieten einer Gemüsefrau auf dem Wochenmarkt. Hier wie dort geht es wohl um eine Erleichterung des Alltags, wenn auch in ganz verschiedener Hinsicht. Die Frage lässt vermuten, dass es auch ohne Tüte geht - im ersten Fall wäre das gesellschaftlich wünschenswert, im zweiten bin ich mir nicht so recht sicher: Ich könnte mir ein Leben ohne Tüten jedenfalls nicht mehr gut vorstellen, womit ich nur die zweite Sorte Tüten meine und nur von diesen soll im Folgenden die Rede sein.
Das, wovon die Rede sein soll, ist etymologisch als ‚Tüte’ oder ‚Tute’ ein horn-, trichter- oder röhrenförmiges Behältnis oder Blasinstrument (1), wobei das Etymologische nur für den Anfang ausreichend ist, denn es gibt eine Vielzahl von Tüten, die ganz anders aussehen, ganz anderen Zwecken dienen und somit zu ganz anderen Tütentypen gehören. Auch sind nicht alle Tüten für alle Gelegenheiten geeignet und nicht alle Tüten sind so, dass man gern mit ihnen zu tun hat – in einem solchen Fall wäre die Frage mit einem „Nein danke – es geht auch so“ zu beantworten, was ja auch der ökologiebewusste Mitmensch auf dem Wogchen-Markt gerne zur Antwort gibt. Sehen wir uns also einige Tüten etwas genauer an.
Die ahnungslose Tüte
In der Kantine eines Grossbetriebs, in der ich manchmal zu Mittag esse, wenn mir eine Tütensuppe oder eine Tüte Kartoffelchips nicht genügt, habe ich neulich Gesprächsfetzen vom Nachbartisch aufgeschnappt, die mir Einblicke in die Personalsituation des Betriebs gewährte: „Der neue Assistent des Präsidenten – das ist vielleicht eine Tüte ...“ sagte der eine – „ Der hat von Tuten und Blasen keine Ahnung“ sagte der andere. „Achtung, da kommt er gerade ...„ sagte eine dritte und „setzen Sie sich doch zu uns“ der erste. „Ach du meine Güte“, habe ich zu mir selbst gesagt und mir ohne mich umzudrehen eine bildliche Vorstellung von der Tüte gemacht: ein aufwändig gestylter eher aufgeblasener Tütentyp, der keinen vernünftigen Ton herausbringt.
Die verlogene Tüte
Dass das Leben kein Zuckerschlecken, sondern harte Arbeit ist, wissen wir alle zur Genüge. Um so erstaunlicher ist es, dass die Schulzeit, die doch auf das harte Leben vorbereiten soll, für viele von uns mit einer Schultüte begonnen hat, die - einmal abgesehen von einem Fundament aus zusammengeknülltem Seidenpapier – bis oben hin mit Süßigkeiten gefüllt war. „So schön ist die Schule!“ wollte uns die Tüte durch Form und Inhalt sagen. Dass die Tüte lügt, wussten einige von uns schon am zweiten Schultag. Die Kegeltüte, die zuerst wie ein unerschöpfliches Füllhorn aus dem Märchenland schien, war bald leer gegessen und konnte allenfalls noch als Clownsmütze oder als Zauberhut dienen. „Zuckerzeug zum Schulanfang? – das kommt ja gar nicht in die Tüte!“ sagen heute viele ernährungsbewusste Eltern und versuchen es mit Äpfeln, zuckerfreien Gummibärchen und einem Gutschein für ein Computer-Spiel – aber die Lüge bleibt. - Zu den Tütenlügen der Schulzeit zählten auch die Wundertüten: Behältnisse aus Papier, zu deren Wesen es gehörte, dass man nicht wusste, was drin war (weil man es dann wahrscheinlich nicht gekauft hätte). Die Grundidee ist heute erfolgreich in Form von Überraschungseiern weiterentwickelt worden.
Die Berufstüte
Der Beutel ist bekanntermaßen ein naher Verwandter der Tüte, so dass sich manchmal eine peinlich genaue Unterscheidung erübrigt, z.B. beim Müll, den wir genauso gut in einem Müll-Beutel, wie in einer Mülltüte versorgen können. Aber natürlich gibt es Gegenbeispiele, so gehören z.B. die Kängurus nicht etwa zu den Tütentieren, die ihre Säuglinge in Tüten mit sich herumtragen, sondern zu den Beuteltieren. Zu diesen Gegenbeispielen gehört auch der Beutel in Goethes Gedicht „Der Schatzgräber“: „Arm am Beutel, krank am Herzen, schleppt ich meine langen Tage. Armut ist die größte Plage, Reichtum ist das höchste Gut! (...)“. Der Beutel, von dem hier die Rede ist, ist – wie man unschwer errät - der Geldbeutel und keine Geldtüte. Der Geldbeutel hat jedoch ein enges Verhältnis zu einer Tüte: der Lohntüte. Reicht sie hinten und vorne nicht, so besteht die Gefahr, dass der Mensch – wie im Fall des Schatzgräbers – auf Abwege gerät, seine Seele verkauft oder – etwas weniger schlimm - mit dem Gesetz in Konflikt gerät und in einem Gefängnis Tüten kleben muss.
Die gelehrte Tüte
Wie alles, was mit uns Menschen zu tun hat, so hat auch die Tüte eine Geschichte und kann zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen werden. Systematisch bietet es sich beispielsweise an, innerhalb des Tütenuniversums zwischen Flachbeuteln, Seitenfaltenbeuteln, Spitztüten, Kreuzboden-Beuteln und Klotzboden-Beuteln zu unterscheiden ( ) Soziologisch sind innerhalb der Tüten-Nutzer nach Maßgabe der emotionalen Affinität und der Umgangsformen inkonsequente, sorglose, ökologieorientierte, prestigeorientierte und kultivierte „Tüten-Typen“ (nicht zu verwechseln mit den oben erwähnten „Tütentypen“), Provokateure, Funktionalisten und Tütenmuffel auseinander zuhalten ( ).
Die Kunsttüte
Verbandsstoff ist der Stoff aus dem Verbände sind – Kunst hingegen besteht nicht notwendig und schon gar nicht wesentlich aus Kunststoff. Schon aus dieser Überlegung heraus empfiehlt es sich, einen Unterschied zwischen Kunststofftüten und Kunsttüten und zwischen Tütenkunststoff und Tütenkunst vorzusehen. Es gibt Tütenkunst auf Kunststofftüten, die als solche eben Kunsttüten aus Tütenkunststoff sind, aber wesentlich ist hier eben die Kunst und nicht der Stoff. Joseph Beuys hat seine auf der 5. documenta in Kassel präsentierten und handsignierten Tragetaschen als „Soziale Plastik“ eingestuft. Tatsächlich heißen Kunststopf-Tüten manchmal auch „Plastiktüten“, obwohl sie selbst eher elastisch sind und auch nicht eigentlich zum Transport von Plastiken konzipiert sind. Der Tüte in ihrer ganzen künstlerischen Tiefe und Breite, hat sich Thitz, der Künstler mit dem roten und dem gelben Schuh gewidmet, wovon das vorliegende Buch ausreichend Zeugnis gibt. Da die Tüte darin nicht nur als (Kunst-)Objekt vorkommt, sondern das Buch im wahrsten Sinn des Wortes durchdringt und zu einer Wesenseigenschaft des Buches selbst wird, Weiß ich auch schon, was ich der Verkäuferin beim Buchkauf antworten werde, wenn sie mich fragt, ob ich eine Tüte möchte: „Nein, vielen Dank, ich denke, es geht schon so.“
Professor Helmut Linneweber-Lammerskitten, Bern 2003
* Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Taschenbuchausgabe in 33 Bänden, Bd. 22, München (dtv) 1984, Spalte 1933 Stichwort „Tüte“
2 Heinz Schmidt-Bachem: Tüten, Beutel Tragetaschen. Zur Geschichte der Papier, Pappe und Folien verarbei-tenden Industrie in Deutschland, Münster u.a. 2001, S. 30
3 Björn Stüwe und Herbert Fitzek: Tüten-Typen. Von Tüten, Tragetaschen und ihren Nutzern. IPV Industriever-band Papier- und Folienverpackung e.V. 2002, S. 5
Wollen Sie eine Tüte oder geht es so?
Reisender
Der Mann mit dem roten und gelben Schuh
Der Tütenmaler
Der Hutmaler
König der Herzen
Vater von Lucy und Serafina
Ein Sonderling?
Thitz also. Dieser Mann lebt mitten im urschwäbischen Ort Winterbach, in einer der reichsten Gegenden Deutschlands nahe Stuttgart, wo man a klois Fabrikle sein eigen nennt und der Nachbar, dem das halbe Tal gehört, in seinem alten Bauernhaus lebt. Schwäbisches Understatement, gepaart mit Sparsamkeit und Fleiß. Bei meinem Besuch erfüllen sich in den zehn Minuten, in denen ich die kleine Straße suche, alle Vorurteile einer Fränkin gegen Schwaben. Eine Frau schrubbt ihre Mülltonne, ein kleines Mädchen mit kleinem Besen übt selbstvergessen das Straßenkehren. Die Nachbarin putzt mit Hingabe ihre saubere Treppe. Dazwischen plötzlich ein Haus mit bunten Ziegeln, über die eine riesige Schnecke kriecht. Davor ein Auto, auf das überdimensionale rote und gelbe Socken geklebt sind. Das muss es sein. Ich klingle. Thitz begrüßt mich kurz mit etwas abwesendem Blick, murmelt etwas von einer Maus, verschwindet wieder im Innern, lässt aber die Haustüre ein Stückchen offen. Ich folge ihm, an roten und gelben Turnschuhen vorbei in ein Haus, das auf den ersten Blick aussieht, als hätten sich Pippi Langstrumpf und Antonio Gaudi zusammen getan.
Über dem Esstisch hängt eine wunderschöne Glaslampe, das Spülbecken steht im Raum und ist mit einem Mosaik verziert, von Tassen winken seltsame Figuren, die ich auf den Bildern wieder finde. Überall Bilder. Eines zeigt eine der berühmten Straßen von New York. Es ist noch viel lauter, wilder und bunter als in der Realität. Aus allen Fenstern rufen und winken Gestalten mit riesigen Augen, die wie überdimensionale Brillen quer über das Gesicht reichen. Aus dem Bild ragen an mehreren Stellen seltsame Schlaufen heraus, die sich beim Hinsehen als Tütengriffe entpuppen. Während ich schaue und staune und immer mehr Details entdecke, versucht Thitz eine winzige Maus von einem Klebestreifen zu entfernen, in dem sich das Tierchen verfangen hat. Es gelingt, aber die Maus wirkt sehr mitgenommen und Thitz sieht plötzlich ein wenig traurig aus. Was wird wohl Lucy dazu sagen, wenn sie aus der Schule kommt. Seine erst geborene Tochter, deren Geburt in all seinen Biografien erwähnt wird .
Was hat das ganze mit der Kunst von Thitz zu tun? Diese Frage hat mich bei ihm mehr beschäftigt als bei allen anderen Künstlern, über die ich gesprochen oder geschrieben habe. Wie sehr beeinflusst das Leben mit den Kindern - vor einem Jahr wurde Serafina geboren - seine Kunst? Hätte er sich auch ohne sie diesen kindlichen unvoreingenommenen Blick auf die Welt erhalten? Seinen Mut zum Spaß, zum Verrücktsein. Ich denke, das hätte er. Er hat den Jungen, der er war, nie aufgegeben. Er hatte sich damals die Freiheit erkämpft, mit zwei verschieden farbigen Socken in die Schule zu gehen. Diese Freiheit lässt er sich nicht nehmen. Aber um noch einmal auf seine Töchter und seine Frau Katharina zu kommen, die auch Künstlerin ist. Das Leben und Arbeiten in dieser Familie scheint so eng miteinander verwoben, dass nicht erkennbar ist, wer oder was wen oder was beeinflusst. Wichtig ist das Miteinander und dass jeder seinen Platz hat. Und genau das spiegelt sich in seinen Arbeiten wieder. Auch dort hat jeder seinen Platz.
Um die Thitz Welt zu begreifen, gehen wir an den Anfang zurück. Während des Studiums an der Akademie in Stuttgart probiert Thitz vieles aus. Immer auf der Suche nach etwas ganz Neuem, was es bis dahin noch nicht gegeben hat. Ihm ist klar, dass das aus ihm selbst kommen müsse. Weil es keine zwei identischen Menschen auf der Welt gibt, würde ihm das die Sicherheit geben, dass niemand sonst auf die gleiche Idee käme. Was aus ihm selbst kommt ist zunächst einmal ein großes Interesse an der Welt und an den Menschen. Sein Humor. Seine Fähigkeit, unvoreingenommen an die Dinge heran zu gehen, sich einen Spaß zu erlauben. Wir haben in diesem Zusammenhang über den Begriff Naivität geredet. Der ist besetzt, sagt Thitz als so etwas wie geistig unterbemittelt. Dabei wäre es schön, wenn wir das Naive als Zugang zum tiefen Geistigen pflegen würden. In diesem Sinne ist Thitz naiv.
Er stellt sich und uns viele Fragen über diese Welt. Diese Fragen sind alle in seinen Bildern, manche offensichtlich, manche verborgen wie in einem Suchbild. Dabei macht er es uns nicht leicht. Je tiefer man in diese bunte und laute Welt eindringt, umso undurchdringlicher wird sie. Ein Dschungel an Eindrücken. Und dabei ist es nur ein Teil dessen, was Thitz auf seinen vielen Reisen in alle Welt in sich aufgenommen hat. Dieses Chaos an Eindrücken muss er bändigen, bis es darstellbar ist und in seinen Bildern, Installationen und Filmen gezeigt werden kann. Weil er nämlich mit den Menschen, mit Ihnen und mir über seine Eindrücke und Gedanken kommunizieren will. Wer seine schier überfließenden Bilder betrachtet, mag sich kaum vorstellen, wie es in seinem Kopf aussieht, wenn diese Fülle schon gebändigt ist.
Zurück zum Begriff des Chaos.
Es ist, wie gesagt, nicht das totale, sondern das gebändigte. Thitz nennt seine Arbeitsweise System der chaotischen Annäherung, entwickelt hat er es bereits in seiner Studienzeit. Was das genau bedeutet ist schwierig zu erklären. Ein wichtiges Prinzip dieses Systems ist, sich nicht festzulegen, sich keiner vorgegebenen Logik zu unterwerfen. Sondern frei zu sein, um sich wie ein Baum beim Wachsen immer wieder neu zu orientieren und dem natürlichen Impuls zu folgen. Ein anderes Prinzip ist, sich so wenig wie möglich einschränken zu lassen, schon gar nicht durch Material.
So kam Thitz 1986 auf die Tüte. Dazu gibt es zwei Geschichten. Eine hat er mir erzählt, eine andere habe ich in einem Text über ihn gefunden. Nach der ersten Version findet Thitz 1986 auf dem Sperrmüll in Stuttgart einen Stapel Bäckertüten. Er nimmt sie mit nach Hause. Als er kurz darauf nach Schweden reist und kein Skizzenbuch zur Hand hat, nimmt er die Tüten mit. Thitz empfindet es als Erleichterung, sich nicht mehr für ein bestimmtes Papier oder Format entscheiden zu müssen, es lässt sich angenehm darauf arbeiten und ihm gefällt die Doppeldeutigkeit, man könnte auch sagen Doppelbödigkeit dieses Alltagsgegenstandes.
Man kann in einer Tüte etwas transportieren oder verstecken, im wahrsten wie im übertragenen Sinn. Sie ist etwas Alltägliches und doch Wichtiges und wird auf der ganzen Welt gebraucht. Die Tüte als globaler Gegenstand, der immer mit Menschen zu tun hat und die Kultur des Alltäglichen widerspiegelt. Menschen tragen nicht nur etwas darin, sie zeigen damit auch ihren Stil. Mit einer Aldi-Tüte in der Hand würden Sie nie ein gutes Restaurant betreten, mit einer von Rene Lezard oder Jil Sander könnten sie zeigen, ich gehöre dazu. Wenn Thitz als Reporter auf Reisen ist, nimmt er Tüten mit, um seine Erinnerungen zu transportieren. Aus dieser Erinnerung entstehen zu Hause Bilder, die ihrerseits die Erinnerungen transportieren. So schließt sich der Kreis. Es entstanden ganze Tütenkollektionen, große Rauminstallationen, die in bekannten Museen ausgestellt werden. Die Tüten tauchen immer wieder in seinen Gemälden auf oder dienen als Druckvorlage.
Thitz will die Welt begreifen. Er hat viele Fragen: Was ist die Welt überhaupt? Wer sind wir? Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen allen Menschen? Thitz will wirklich Antworten. Aus diesem Bedürfnis entstand der Kunst-Politik-Dialog. Er schickte Politikern gemalte Fragen. Nicht wenige antworteten, Björn Engholm beispielsweise schickte er das Fragebild Two ways out? Der antwortete auf einem Papier aus dem Watergate Hotel: no way out. Auch seine Reisen dienen dem Zweck des Erkennens und Begreifens. Überall interessiert Thitz der Mensch. Wo immer er sich aufhält, im Cafe, im Bus, im Park skizziert er die Typen um sich herum. Er schaut genau hin: Welchen Gesichtsausdruck haben sie, wie laufen sie, wie reden sie miteinander. Er hat eine riesige Sammlung von Typen, die in seinen Bildern immer wieder auftauchen.
Wer genau hinsieht, entdeckt in den Bildern einen schlacksigen Kerl mit einem roten und gelben Schuh. Oft hat er einen Pinsel in der Hand. Es ist der Maler selbst. Damit knüpft Thitz einerseits an eine alte Künstler-Tradition an. Schon Botticelli, Dürer oder Rembrandt haben sich einst in ihren Bildern verewigt. Bei Thitz kommt noch ein zweiter Aspekt dazu: Da er in seinen Bildern seine eigene, die Thitz Welt erschafft, gehört er natürlich auch hinein.
Seit einigen Jahren hat diese Thitz Welt eine regelrechte Fangemeinde. Die Welt will seine Welt sehen. In diesem turbulenten Herbst beispielsweise hat er Ausstellungen in Athen, Istanbul, Zürich, München, Köln, Mallorca .... und dazwischen auch in Schweinfurt.
Die Schweinfurter Ausstellung konzentriert sich auf Papierarbeiten von 1996 bis heute. Darunter übermalte Siebdrucke, so genannte Jet-Prints. Dabei wird ein gemaltes Bild am Pc bearbeitet und dann in einem speziellen Verfahren gedruckt, oft dienen Tüten als Druckvorlage. Wir sehen übermalte Siebdrucke und Originalaquarelle.
Keiner malt Aquarelle wir Thitz. In der rechten Hand hat er einen Pinsel, links eine Rohrfeder, damit arbeitet er gleichzeitig. Das flächige mit dem Pinsel, das zeichnerische mit der Feder. Das Malerische bringt Ruhe aufs Blatt, das Zeichnerische ist unruhig, wild, lebendig. Orientiert sich am Eindruck im Moment des Sehens. Thitz will wiedergeben, was er in diesem Moment empfindet. Das hat etwas Impressionistisches an sich. Der Versuch, das unglaubliche des Erlebens darzustellen. Und die eigene Sicht der Welt mit hineinzubringen.
Eines wollen Sie sicher noch wissen. Was heißt Thitz? Es ist sein Spitzname aus Kindertagen, den ihm seine Schwester gegeben hat.
..... Vor ein paar Tagen habe ich über einen Künstler gelesen, der auch einen ungewöhnlichen Namen hat und sich auch mit Tüten beschäftigt hat. Er nennt sich Tal R., ein Däne, der erst 2005 angefangen hat, u.a. in Plastiktüten zu sammeln, was andere weg geworfen haben, um daraus Kunst zu machen. Inzwischen ist auch für ihn die Tüte Material und Metapher. Er sammelt Dinge und Ideen, bis die Tüte für eine Arbeit voll ist. Seine Tüte ist der Kopf. Das passt auch auf Thitz.
Katharina Winterhalter (Kuratorin, Kritikerin)
Zur Ausstellung in Schweinfurt am 20. 11. 2007.
Thitz: Tütenbilder
(Laudatio zur Ausstellung "Tütenbilder" in der Galerie neue kunst, Konstanz)
Viele der Bilder von Thitz haben einen oder mehrere Henkel oder Tragschlaufen. Es handelt sich, wie der Titel dieser Ausstellung schon sagt, um "Tütenbilder". Tüten sind dazu da, um Dinge hineinzustecken und wegzutragen. Das klingt relativ einfach, ist es aber nicht. Tüten sind nämlich, genau betrachtet, sehr ver-
trackte Gegenstände - und das auf mehreren Ebenen.
Zum einen suggerieren Tüten, daß sie nur Verpackung sind, also etwas enthalten, was man aber nicht
sehen kann. Zum anderen transportieren sie selbst meist eine Botschaft, genannt Reklame. Diese Bot-
schaft wiederum verweist im einfachsten Fall ganz konkret auf den Inhalt, etwa dann, wenn aus dem Tüt-
chen die Soße auf die Hose tropft, und es steht drauf: Döner Kebab. Man hätte dann eine Tautologie im
phänomenologischen Sinne vor sich oder, besser gesagt, einen Pleonasmus, also eine überflüssige An-
reicherung.
In anderen Fällen ist es nicht ein bestimmter Gegenstand, auf den die Botschaft auf der Tüte verweist, son-
dern es findet eine Abstrahierung ersten Grades statt. Eine Marke steht für ein gewisses Spektrum an Ar-
tikeln, dessen Breite im Zeitalter sogenannter Mischkonzerne ständig zunimmt. Etwas erweitert, gehören in
diese Kategorie auch die Tüten von Händlern wie etwa einer Ladenkette oder einem Kaufhaus.
In wieder anderen Fällen soll die Botschaft gar nicht auf den Inhalt verweisen, sondern nur etwas vorspiegeln.
Dazu zählen dann beispielsweise Tüten von Prada, die später Waren von Aldi als Behältnis dienen. Es geht
hier weniger um Recycling, sondern vorrangig ums Image.
Dann sind da noch die Tüten, die eine moralische Botschaft transportieren. Sie werben für das Gute im Men-
schen und sind oft aus Jute oder Leinen.
Schließlich gibt es Tüten, die verweisen nur auf sich selbst. Sie tragen keine Aufschrift und kein Emblem.
Wenn sie eine Aufschrift trügen, würde nur "Tüte" draufstehen. Manchmal haben sie ein hübsches Muster.
In zunehmendem Maße begegnet man auch ausländischen Tüten. Sie sollen vor allem auf die Weltoffenheit
ihres Trägers hinweisen. Sie dienen - ähnlich wie das Urlaubsfoto - als Beweisstücke: Ich war schon da, wo
die Tüte herkommt, habe dort schon eingekauft.
Häufig taucht in Thitzens Bildern die Kunst- oder Museumstüte auf. Sie ist etwas ganz Besonderes, geadelt
schon durch das Wort "Kunst" oder, auf Englisch, "Art". Die Museumstüte ist ausschließlich eine Imagetüte.
Sie ist nicht dazu da, das zu transportieren, was ihre Aufschrift suggeriert, nämlich Gegenstände aus dem
Museum. Das ist eigentlich widersinnig. Man kann in sie beim ersten ursprünglichen Gebrauch nur das hi-
neinstecken, was einem das an das Museum angeschlossene Kaufhaus, nämlich der Museumsshop, an-
bietet. Das können Ausstellungskataloge sein, Pralinen, auf deren Schachtel der Mann mit dem Goldhelm
prangt, oder T-Shirts mit einem Aufdruck der Mona Lisa.
Die Mona Lisa übrigens, die Anekdote ist im Zusammenhang mit Thitzens Bildern angebracht, wurde 1962
nach Amerika verschifft, um sie dem dortigen Publikum im Original zu zeigen. Jackie Kennedy hatte dies mit
dem damaligen französischen Kulturminister André Malraux ausbaldowert. In der National Gallery in Wa-
shington besuchten in knapp einem Monat über 500000 Menschen das berühmteste Gemälde der Welt. Das
ergibt eine durchschnittliche Betrachtungszeit von 1,95 Sekunden. Anschließend in New York, im Metropo-
litan Museum, kamen über eine Million Menschen, was die Betrachtungszeit auf 0,79 Sekunden pro Be-
sucher reduzierte.
Da reicht eigentlich das T-Shirt.
Wie Museum und Kaufhaus oder Kunst und Tüte sind Museumstüte und Kaufhaustüte eng miteinander ver-
wandt, . Die Tüten, die Thitz be- und verarbeitet, sind ja nur besonders signifikante Symbole aus dem un-
übersehbaren Angebot der Warenwelt und, weil mittlerweile bekanntlich alles zur Ware geworden ist, aus
der Welt schlechthin.
Im 19. Jahrhundert gab es in Großstädten wie Paris den Flaneur, der über die Boulevards schlenderte und
durch die Kaufhäuser, wie Zola sie beschrieben hat, oder der sich in den Passagen verlor, den Vorläufern der
heutigen Shopping Malls. Die Inspiration des Flaneurs entzündete sich an den Schaufenstern mit ihrer Re-
klame und ihrem vielfältigen Angebot an Gegenständen. Diese Vielfalt und das jeweils Neueste war dem Fla-
neur Anlaß zur Kontemplation, man denke in der Literatur an Baudelaire oder Flaubert, man denke in der
bildenden Kunst an die Großstadtbilder der Impressionisten oder den grandiosen Zeichner und Grafiker
Grandville.
Die Wirklichkeit und damit die zunehmende Geschwindigkeit begannen sich damals der Kunst zu bemäch-
tigen, nicht umsonst begab sich Marcel Proust auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Im Nachhinein be-
trachtet war es eine Logik der Geschichte, daß im 19. Jahrhundert, diesem Jahrhundert des Positivismus,
auch die Fotografie erfunden wurde. Sie erlaubte eine bis dahin noch nicht gekannte Präzision in der Abbil-
dung der Wirklichkeit. Aus der Frühzeit der Fotografie wird berichtet, daß die Menschen von dieser detail-
genauen Abbildung der Wirklichkeit viel mehr fasziniert waren als von der Wirklichkeit selbst.
Der Drang nach scheinbarer Authentizität ist seither, trotz einiger gegenläufiger Tendenzen, immer stärker
geworden. Für Spielfilme etwa wird mit dem an sich völlig absurden Argument geworben, das Geschehen
habe sich tatsächlich irgendwann einmal genau so zugetragen. Der Fotograf Andreas Gursky präsentiert im
Museum of Modern Art riesige Bilder von Supermärkten oder dem Inneren von Aktienbörsen.
Viele Künstler, vor allem solche, die mit Fotografie arbeiten, haben ein neues Werkzeug (oder Spielzeug)
entdeckt, nämlich den Computer. Er macht es leichter als früher, die aufgenommenen Realitätsfragmente so
zu verändern, daß man es nicht merkt. Solche Bilder und andere digitale Simulationen von Wirklichkeit hei-
ßen heute "virtuelle Realität".
Wichtig dabei ist, um es noch einmal zu betonen, daß man den Unterschied von sogenannter echter und
manipulierter Realität nicht merken soll. Warum eigentlich? Warum soll alles so aussehen, wie man es so-
wieso schon kennt?
Thitz hält gegen diesen Trend. Seine Malerei wuchert in die fotografische Realität hinein, bedeckt die Tüten,
die über die Fotografie geklebt sind, läßt zwischendurch Partikel dieser "echten" Realität noch aufblitzen in
Text- oder Bildfragmenten.
Die Tüte hat generell, wie erwähnt, zwei Wirklichkeitsebenen, eine äußere und eine innere. Beide müssen
nicht immer deckungsgleich sein. Es ist nicht immer das drin, was draufsteht. Zeichentheoretisch gesehen
heißt das, das Zeichen ist nicht unbedingt mit dem Bezeichneten identisch. Ein Beispiel aus der Praxis:
Wenn ein Gegenstand, der aussieht wie eine dreibeinige Marssonde aus einem Science-fiction-Comic, als
Zitruspresse bezeichnet wird, dann ist das nicht mehr als ein Witz. Man kann aber so gut wie jeden Gegen-
stand nach den eigenen individuellen Bedürfnissen und Wünschen, nach seiner eigenen Phantasie umge-
stalten. Der Gebrauchswert ist ja nur eine Möglichkeit von vielen, die Erfahrung ebenfalls. Wenn wir einen
roten Schuh sehen, nehmen wir automatisch an - die Erfahrung lehrt es uns -, daß der zweite Schuh auch
rot sein muß. Er kann, muß aber nicht. Er kann zum Beispiel auch gelb sein.
Die Methode von Thitz ist im Grunde einfach, aber genau deshalb umso wirkungsvoller: Er infiziert die Wirk-
lichkeit mit Kunst. Und es ist zu hoffen, daß dieser Infekt so ansteckend wie möglich ist.
Thitzens Museumstüten
Ein Museum kann man leider nicht wegtragen. Das geht höchstens in Gedanken oder als kleines Modell
bzw. als auszuschneidender und zusammenzuklebender Modellierbogen in einer Tüte verpackt. Aber
andersherum ist es möglich: Die Tüte kann ohne weiteres ins Museums gelangen, kann sich brav gefaltet
stapeln oder sich Platz verschaffend aufbeulen, sich überall hineindrängen und sich breit machen. Sie hat
den Vorteil, dass man etwas in ihr befördern kann, selbst wenn es nur Luft ist und dass sie per Aufdruck
eine deutlich sichtbare Botschaft vermittelt. Das ist ihre Stärke, die ihr kein noch so bedeutendes Exponat
streitig macht. Was hindert uns also daran, sie selbst zum Museumsobjekt zu erklären? Tüten sind
Alltagsobjekte, die uns jeden Tag begegnen wie andere Dinge des gewöhnlichen Lebens auch wie z.B.
Schuhe, Schirme, Kappen und Kochtöpfe, Pfeifen und Pfennige, alles Sachen, die wir in Museen hinter
Glasvitrinen anschauen können. Weshalb nicht Tüten? Vor allem Tüten von Thitz: Seine Tüten sind keine
normalen Tüten. Es sind Tüten, die sich individuell gebärden, die ein Eigenleben gewonnen haben, keine
gleich aussehenden Allerweltstüten also, die in tausendfacher Auflage die immer gleiche Aufforderung
"Esst frisches Obst und Gemüse" verkünden, sondern es sind gleichsam subversive Tüten mit Aufschriften
wie "happy & rich", "rich but lonely", Tüten auf denen sich hübsche Mädchen räkeln oder schrille Typen
neugierig den Tütenschauer mustern. Thitz hat sich eine Tütenwelt aufgebaut, die vor Leben bebt und zittert,
ein Imperium voller Hochspannungsenergie, Humor, Satire und Witz. Was kann einem Museum – jener
griesgrämigen besserwisserischen Altjungfer – besser anstehen als ein frischer Schub von frechem Wind,
der durch die muffigen Räume fegt?
Das Museum der Stadt Waiblingen, das im Jahr 2001 sein zehnjähriges Bestehen feiert, war nie ein Kind
von Traurigkeit, sondern ging schon von Beginn an einen eigenen Weg, zeigte Alternativen auf, schnitt alte
Zöpfe ab und begab sich auf unerforschtes Terrain. Das garantierte zwar keine absolute Sicherheit, sondern
im Gegenteil: Wir konnten nicht wissen, was der nächste Schritt bringen würde. Manchmal kam Störfeuer
von links, dann wieder von rechts, doch wir bahnten uns unbeirrt unseren langen Weg durch den Dschungel
der verwachsenen Meinungen. Jetzt nach zehn Jahren ist aus dem mühsam gehauenen Trampelpfad ein
Weg geworden, auf dem wir bequem gehen und die seltenen und schönen Dinge entlang des Weges
betrachten können. Ein erstes Ziel ist erreicht und eine Etappe wurde gewonnen. Unbekanntes Land liegt
noch vor uns, das wir durchqueren, aber nicht erobern wollen. Die Vorhut, um ins fremde Land zu gehen,
sollen Thitzens Museumstüten sein. Sie sind frohe Botschafter einer friedlichen Welt, durchaus kritisch,
aber nicht verletzend. Sie haben vom Museum Besitz ergriffen, haben sich eingenistet und selbstbewusst
eingebracht. Auf ihre spezielle Art und Weise machen sie uns auf unser Tun aufmerksam und schaffen
eine neues Selbstverständnis, das eingefahrenes Denken und Handeln aufweicht und mit anderen Ideen
der Wahrnehmung vermengt. Daraus entstehen neue Dimensionen, die unserem Entdeckerdrang entge-
genkommen, uns die Möglichkeit eröffnen, Dinge anders zu sehen und zu beurteilen. Wir lernen nie aus
und das ist gut so, denn was wäre unser Leben, wenn wir alles wüssten?
Es wäre sinnentleert und überflüssig. Deshalb: Tüten ins Museum!
Dr. Helmut Herbst, Leiter des Museums Waiblingen
Thitz – die Stadt, der Mensch, und immer noch die Tüte
Vor 2 Jahren und in Folge kreiste das Thitzsche Werk, das sich in vielfältiger Hinsicht jedes noch so unscheinbaren Dinges, dem aufbewahrten, dem schon verworfenen, dem wieder gefundenen, annimmt, um das große Thema einer großen Stadt mit unzähligen, sprich vielen Menschen: Bag City.
Zentral und gewichtig stand und steht dieses Thema im unerschöpflichen Phantasiekreislauf der Thitschen Bilder-Welt, die uns ein Augenzwinkern entgegenwirft, stutzig und zu Entdeckenden macht, uns leise lächeln lässt ob des Witzes und der stets dem Positiven zugetanen Ironie – die sich aber auch des Negativen unseres Daseins durchaus bewusst ist, es nicht verdrängt. Und mit dem groß dimensionierten Urbanen steht der Mensch im Mittelpunkt des Thitzschen Augenmerks.
In den unzähligen Objekten ist es jener, der mit dem Dinghaften seiner Existenz und ihrer historischen Dimension verbunden ist; in den Tüten aus aller Welt, die Thitz Werk als wesenhafte Konstante durchziehen, die sowohl als Bildträger als auch als Bildformer und Akzentsetzer fungieren, ist es jener der Vergangenheit und der Gegenwart, der sich in der Tütenexistenz widerspiegelt, der sich mit Tüte identifiziert wie er sich durch Tüte identifizieren und verorten lässt: zeig mir deine Tüte und ich sag dir, wer du wo bist (wobei der Kult der Tüte kaum mehr soziale Grenzen kennt).
In Bag City ist er derjenige, der das Gesicht von Big Bag City prägt und durch das Gesicht von Big Bag City geprägt wird.
Vor 2 Jahren und in Folge war Bag City big City New York – Big Apple, das in der Thitzschen Bilderwelt der modernen Urbanität Ausdruck verlieh, gleichwohl in spezifisch Thitzscher Sichtweise auf Architektur, Kultur – gerade auch jener der Tüten und Tütenträger, und damit auf Leben in und mit einer Großstadt. Jenes prägt die Gesichter der leise lächelnden, versonnenen, wissend scheinenden und in sich ruhenden Bag Cityaner, deren Individualität einem städterischen Archetypus sich annähert.
Sie tummelten sich in unterschiedlichen Bedeutungsgrößen als Teil von Architektur, Struktur, umhüllt von ihr, eins mit ihr, aber auch sie seiend. Alles was Bag City ausmachte, machte auch die Thitzschen Menschen aus: fest stehend und doch in Bewegung, im Glanz der Lichter, der Hektik des Verkehrs, dem Wogen des Lebens. Und so hat Thitz sie und die Stadt denn auch gesehen: in fließender Zeichnung, flirrend und doch fest umreißend zugleich: die Quadratur des Kreises von Statik und Bewegung.
Nur in einem Bild jener Tage ist aber die Großstadt, Big Apple New York, zumindest teilweise in ihren individuellen Merkmalen zu vernehmen, die aus jener Großfotografie New Yorks herrühren, welche Träger der Thitzschen Linien- und Farbengerüste geworden ist und die in Partien durch den Thitzschen Farb- und Formenkanon scheint. Dagegen sind die anderen Thitzschen Bag-City-Bilder eher frei gesetzte Assoziationen des durch den Künstler Gesehenen und Erlebten, spiegeln die Erfahrung einer Großstadt wieder.
Konsequent hat nun Thitz in der jüngsten Zeit diesen eingeschlagenen Weg in seinen Werken fortgesetzt. Neben allem, was immer auch an Objekten und vor allem Aquarellen parallel zum Thema Ding und Mensch schlechthin entsteht - zu denken ist hier an die Weiterführung von Werkkomplexen wie dem Swazifries und den Tütenserien - , sind die Thitzschen Städtebilder und das heißt auch Tüten-Stadt-Collagen nach wie vor von zentraler Bedeutung.
Darin zeigt sich der Künstler als der Träger globaler Stadterfahrungen: Rom - Frankfurt - London - New York - Hongkong und andere, damit aber auch als Träger globaler Menschen- und Lebenskenntnis. Die künstlerisch daraus gezogenen Folgerungen sind im Thitzschen Großstadtkanon ersichtlich.
Großfotos der Städte werden zu Folien, auf denen sich die Akzente jener Erfahrungen setzen lassen. Und die sind nach wie vor von typisch Thitzscher Manier im zeichnerischen Malen, das seinem Werk eigen ist; im Setzen von bedeutungsgroßen Menschlein und Menschen, die mitunter die Architektur zu Haupte tragen - St. Pauls Cathedral in London -, oder gar selbst zur gelebten Architektur werden - im Bag Museum of Art, einer traumhaft amorphen Baukunst à la Kunstdachlandschaft New York; im Enthüllen von städtischen Bedeutsamkeiten durch collagieren von ebenso städtisch bedeutsamen Tüten; und nicht zuletzt im Verwandeln von sachlich nüchternen Stadtaussagen in ein Entdeckungsfeld heiter wie auch nachdenklich stimmender Beobachtungen im Spiel mit Architekturformen - man beachte die Dächer - , mit der Stadtmöblierung - wer kennt nicht die unzähligen Reklameschilder, - leuchten, - banner und wer kennt nicht Hongkongs berühmtesten Laden „Tops + Flops“.
Witz und Ironie zählen nach wie vor zu Thitz schärfsten Werkzeugen der städtebaulichen Neuordnung nach seinem Bilde.
Verändert aber hat sich Thitz Sicht auf die Städte. Reale Aspekte aus der Großfotografie bleiben bewusst sichtbar im Kontrast zur malerischen Interpretation durch den Künstler. Wiedererkennung ist zu einem wichtigen Bestandteil seiner Städtebilder avanciert. Darin aber wird zugleich der im Gegensatz zu den früheren „Stadtansichten“ eher kritische Aspekt unserer urbanen Wahrnehmung thematisiert, die sich auf den Nenner des Touristen bringen lässt: Tower, Eifelturm, Empire State Building - Mona Lisa. Die Reduktion unserer Welterfahrung auf die Highlights hat auch vor unserer Welt-Städte-Erfahrung nicht halt gemacht und schlimmer noch: die Städte haben den Interessen der Global Players nachgegeben und sind dabei zu gleichförmigen Ansammlungen von gleichförmiger Architektur zu werden, die es dem Weltreisenden erlaubt, sich in jeder Stadt dieser Welt gleich zu Hause zu fühlen, weil er sie alle schon kennt, bevor er sie überhaupt gesehen und erfahren hat. Vielleicht kann man dann sogar auf die Erfahrung verzichten. Was liegt also näher als dem Meister Trend nachzugeben und die Welterfahrung uneingeschränkt virtuell zu erleben (welch Widersinn steckt hier im er-leben). Im WWW überall und nirgendwo zu hause.
Doch eröffnet die neuere Thitzsche Städtean-, -ein- und -aufsicht auch hoffnungsvolle Aspekte eines sich aufbäumenden Strebens nach individueller Freiheit der Gestaltung wie des Lebens, wenngleich sie sich mancherorts nur in der Verschiedenenartigkeit einer phantasievollen Dachlandschaft äußert, die von der Treppenpyramide bis zum Papyrusblütenkorpus reicht, während sich der Baukörper der pragmatischen Funktionalität unterwirft. Vielleicht müssen wir uns mit Thitz in die lebensprallen Straßen jener von ihm gesehenen Städte begeben um dem Eigenen der Kulturen zu begegnen, das im Gesamtblick auf die Stadt immer mehr verloren zu gehen scheint.
Zumindest in den 7 Tüten von Rom, die Thitz symbolhaft den geographischen Gegebenheiten der heiligen Stadt beistellt und die dem Betrachter als die 7 wichtigsten Bewohnerinnen und Bewohner im Brustbild am vordersten Rand des Schauplatzes Romanum entgegentreten, ist die globale Individualität von Monti bis Armani in den Farben, die in allen Großstädten dieser Welt anzutreffen sind, eindringlich offensichtlich.
Nun ist Rom aber auch nicht Hongkong oder New York, sondern fast dreitausendjährige Geschichte urbaner Architektur, Struktur und städtischen Lebens, im würdigen Alter mit Charakter ausgestattet, das in der sogenannten Modernität unserer globalen Metropolen kaum erkennbar ist.
Thitz Städtebilder sind so ein Stück zeichnerisch malerisches Philosophieren über die Gegenwart und die Zukunft unserer Städte und zugleich über uns selbst. Er eröffnet mit ihnen auf seine ihm eigene lebendige Art die Möglichkeit zu einem fruchtbaren Dialog über ein uns alltäglich Alle bewegendes Thema (z.B. Stuttgart 21, Frankfurt 21, Waiblingen 21 und sonstige 21er Visionen urbanen Lebens).
Otto Pannewitz 2001
Leiter der städtischen Galerie Sindelfingen, Lütze Museum
Kunst - Politik - Dialog, ein ästhetischer Prozess
Dialog kommt aus dem Griechischen - Dialogos - und ist eine rein pädagogische Errungenschaft der griechischen Akademia und bedeutet die Bereitschaft Gedanken und Positionen miteinander auszutauschen als Lernprozess.
K - P - D Kunst, Politik, Dialog - verlor das D und verkümmerte zu K- P in allen Diktaturen. Der Nationalsozialismus und die kommunistisch~ Diktaturen haben das ergreifend negative Beispiel von Kunst und Politik ohne den Dialog geliefert indem sie den beiden die Freiheit entzogen. Die Doktrin der Systeme hat beide Begriffe vereinigt, zum Joch für den Bürger. Verbotene Gewerkschaften, verbotene Wissenschaftler und Künstler waren das Ergebnis einer Massenmanipulation mit dem Ziel die eigene Identität der Menschen zu löschen um sie als Menschen anschließend auch zu vernichten.
Die entartete Gesellschaft wurde daraufhin zum perversen Spiegel der entarteten Kunst.
Die Arbeit von Thitz ist geprägt durch den Dialog. Dieser Dialog besteht in der Beschreibung der eigenen Geschichte als Erlebnis mit der Umwelt. Der Dialog wird ermöglicht durch Dokumentation, Sammlung und Darstellung der Eindrücke von Thitz und deren Überprüfung durch die Kommunikation.
Thitz ist kein Theoretiker, sondern ein Macher, ein Maler. Seine Malerei ist durch die Einbeziehung des Dialoges zu ihren kommunikativen Energien gekommen.
,,Die Sprache um die nicht vorhandene Wirklichkeit zu benennen ist die Kunst. Dadurch wird die Kunst zur Forschung nach der Gegenwart".
Er trägt die Farben der Malerei auch selbst und bestimmt damit seine Erscheinungsform als Individualausweis und Bekenntnis zu seiner Identität. Dieses ermöglicht ihm den Zugang zu anderen Menschen und erleichtert den Dialogbeginn..
Thitz integriert aktiv seine Kunst in die Gesellschaft. Dieser bunte Vogelfänger und Vogelhändler, der Papageno der Vermittlung, bringt die Kunst in der Gesellschaft in Umlauf auf ehrliche und heitere Weise.
Seine Bilder haben einen Brief- und Tagebuchcharakter. Er stellt den Bezug seines Lebens zu der Zeit in der er lebt und somit zu den Zeitgenossen her. Sein sehr malerisches Tütenbuch ist eine Aufforderung zum mitreisen.
Bewegend ist das Gefühl der Einmaligkeit der Arbeiten von Thitz, weil darin das Grundprinzip unseres emotionalen Verhältnisses zu Leben liegt.
Diese Einmaligkeit zu gestalten - danach strebt der Künstler, immer wieder versuchend, das Bild der Wahrheit zu packen. Die Schönheit der Lebenswahrheit in der Kunst liegt in der Wahrheit selbst, in der Aufrichtigkeit, die jedem zugänglich ist.
Wir haben einen besonderen Filter in uns, durch den wir die uns umgebende Welt aufnehmen, in enger Bindung mit unserer Lebenserfahrung. Er hilft uns bei der Erziehung unserer Kommunikationsfähigkeit.
Kunst und Politik, ein Dialog, steht im Zentrum einer umfangreichen Arbeit von Thitz, welche auch in der Zukunft weitere Parteien und Fraktionen angehen wird, denn Thitz, von dem diese Aktion ausgeht, ist als Künstler nur an dem Dialog Kunst und Gesellschaft orientiert. Beide brauchen Freiheit um sich selbst zu verwirklichen.
Ich möchte seine Arbeitsweise wie folgt gliedern:
,Der Titel ist der Inhalt:
Erlebte Orte, Begegnungen mit Menschen und andere Eindrücke benutzt er direkt als Titel und als Inhalt seiner Arbeit. Seine Aktionen im In- und Ausland kommen einem inszenierten Wirklichkeitsraum gleich, welcher existente und fiktive Realitäten als Kunst umschließt. Das bildet auch den Ausgangspunkt für seine Filme.
Formentwicklung und deren Antithese sind in den Arbeiten von
Thitz typisch für seinen Verzicht auf kunstgeschichtliche Akribie.
Dadurch wird ein Assoziationsfeld frei, um mit Zitaten und Formen, Texten und Bildern eine heitere, ironische Beschreibung von wirklich oder nicht wirklich Erlebtem als unverzichtbaren Wirklichkeitsverlust darzustellen.
,,Wie wir alle wissen ist der Verlust von Wirklichkeit kein Verlust, da sie es gar nicht gibt " (Tarkovski), sie lässt sich aber herstellen durch das Werk der Kunst.
Zu Thitz mit einem Zitat von ihm:
,,Es ist schwierig einen Text zu schreiben über die Faszination, welche eine Stadt auf einen kleinen Maler und Tütensammler ausübt. Zu beschreiben wie ein stetiger gelber Winzling, mit Tütenbüchern bewaffnet Stadt für Stadt, Straße für Straße - alle diese Monster menschlicher Ansiedlung erwandert, Eindrücke auf und in den Tüten sammelt, sortiert und malend wieder herausgibt.
Das Problem ist, dass dieser Tütenwanderer die Stadt nicht anders beschreiben, erfassen, ergründen kann - nicht wirklich. Sie ist zuviel für eine Komprimierung durch Text - zu vielseitig für Begriffe, Worte, Sachlichkeit - zu unlogisch - zu widersinnig für einfache, einleuchtende, eingängige Begründungen."
(Ende des Zitats).
Der Tütenmaler setzt sich diesem Kampf aus, er bezieht Stellung, ist kein Beobachter. Dazu muss er mitten in diesen Orte leben, in ihnen wohnen, sich darin verlieren und wiederfinden.
Kunst ist für ihn Kommunikation - das Leben direkt - es ist nichts dazwischen. Mit allen Menschen kommuniziert er, mit deutschen Politikern ebenso wie mit Gemüsebauern in Ecuador. Die bemalten Tüten sind seine Sprache um Fragmente von diesem Leben, vom Alltag zu erzählen. Sie sind keine einzeln für sich stehende, distanzierte Kunstobjekte. Sie hören zu und erzählen wieder - sie sind jene Sprache mit welcher der gelbe Winzling hofft, eines Tages ein E t w a s beschreiben zu können, das wenigstens entfernt an eine globale Gesellschaft erinnert.
Der Dialog zwischen Kunst und Politik und markiert den erfreulichen Beginn einer neuen Kunstrichtung, von der mir persönlich nicht genug in unserer Gesellschaft anzutreffen ist.
Professor Sotirios Michou
Stuttgart 1996

Essay in the catalogue "Bag Art" 2008 published by the Cultural Center of the city of athens and clean up greece. The exhibition at the Cultural Center of the city of Athens was curated by Mrs. Angela Dikeoulia (Gallery Art Cargo A.Dikeoulia, Athens)

Essay in the catalogue "Bag Art" 2008 published by the Cultural Center of the city of athens and clean up greece. The exhibition at the Cultural Center of the city of Athens was curated by Mrs. Angela Dikeoulia (Gallery Art Cargo A.Dikeoulia, Athens)

Essay in the catalogue "Bag Art" 2008 published by the Cultural Center of the city of athens and clean up greece. The exhibition at the Cultural Center of the city of Athens was curated by Mrs. Angela Dikeoulia (Gallery Art Cargo A.Dikeoulia, Athens)

