Bag Art Global - Tüten und Kunst
Bag Art Global - Tüten und Kunst
„Jede Zeit hat ihre Geste, ihren Blick, ihr Lächeln....“
bemerkte einst Charles Baudelaire.
Ist Thitz – mit einem gelben und einem roten Schuh – frei nach Baudelaire „Maler des modernen Lebens“? Ein Chronist seiner Zeit, seiner selbst? – fähig, unserer Zeit das abzugewinnen, was sie „im Vorübergehen“ an Poetischem enthält?
In unsere Taschen stecken wir Dinge, die uns wichtig sind, die wir behalten, vielleicht auch verbergen wollen. Tüten nehmen wir in die Hand, nehmen wir mit. Mit der Tüte sind wir mobil. Tüten sind Kultgegenstände, Prestigeobjekte, erzählen von sozialem Status und Interesse des Trägers. Ich spreche nicht von Müll- oder Lohntüten, sondern von einem Klassiker, einem Fetisch: der Papiertüte. Designer, Künstler, mitunter auch Kinder gestalten ihre Oberfläche. Schorndorfer Bürger wurden von Thitz dazu aufgefordert, weiße ThitzTüten kunterbunt zu bemalen. Heute begegnen wir hier geschätzten 1200 Künstler-Tüten, die Thitz zu einer grandiosen Installation, zu einem Gesamtkunstwerk vereinte: ein schwebender Globus aus sanft rotierenden Papiertaschen und vier deckenhohe, mit dem Gewicht üppig gefüllter Tüten beschwerte Vorhänge verwandeln die Galerie für Kunst und Technik in ein lebendiges Museum der Phantasie.
Thitz klebt Tüten auf die nackte Leinwand. Seine Gemälde sind Collagen von besonderem Materialreiz. Tüten aus aller Welt liegen unter seinen Stadtlandschaften, in immer neuen Übermalungen entfaltet sich ein faszinierend assoziatives Gedankengeflecht zwischen Tüten und Malerei. Henkel durchbrechen die Leinwand, stehen im Bild oder ragen über die Leinwand hinaus. Henkel scheinen überall griffbereit, als seien die Gemälde selbst Tüten. In dieser Koppelung von scheinbar nicht Zusammengehörendem entstehen neue Bilder der Stadt, ambitionierte Bilder jenseits einer äußerlich sichtbaren Wirklichkeit, Bilder, in denen Gefühle, Spannungen und Stimmungen - vielleicht auch Konsumstress - herausgefiltert werden. Thitz ist ein weit gereister Mann. Ein Tütensammler. In seinen Gemälden jedoch rückt die Welt zusammen. Statt Panoramen aufzuzeigen, zerlegt Thitz die enigmatischen Ansichten in visuelle Bruchstücke und entlockt den Metropolen Momente beunruhigender Schönheit. Manchmal sind Orte mit Erinnerungen verknüpft. Man glaubt, es bliebe etwas von unseren Hoffnungen und Gedanken an den Mauern, an den Wänden haften, als bräuchte die so wenig greifbare Erinnerung einen Ort, an dem man sie aufsuchen kann. Etwas von dieser Flüchtigkeit unseres Lebens ist in den sensiblen Kompositionen von Thitz enthalten. Thitz – Schüler Sonderborgs an der Stuttgarter Akademie – arbeitet klassisch: den Gemälden liegen vorbereitende Skizzen, Aquarelle oder auch Fotos zu Grunde. Geboren in Frankfurt, verbrachte er seine Kindheit in Hedelfingen, einer Nahtstelle – so der Künstler – zwischen Stadt und Land. Der Philantrop – „ich liebe die Menschen“ – der uns im Selbstportrait bunt gespalten wie ein Pierrot begegnet, hat „ein Problem mit dem Chaos“, weshalb es ihn immer wieder in die Stadt treibt – inspirativer Ort des Künstlers schlechthin. Thitz hat Humor, arbeitet - nicht ohne Raffinesse - mit Witz und Ironie. Gleich einem Meister der „ars combinatoria“ läßt er vor unsereren Augen ein kunstvolles Chaos entstehen, aus dem – um es mit Schlegel zu sagen – „eine Welt entspringt“. Seine Malerei scheint fieberhaft, mit aufreizender Farbe fixiert er Gesten und Bewegungen, die sich entladen und die Metropolen aus den Angeln heben. Die Leinwand wird zum Tatort der Malerei, im dramatisch pulsierenden Vor und Zurück seiner Pinselstriche fallen traditionelle Koordinaten – etwa oben und unten, rechts und links – in sich zusammen. In Thitz Bildern scheint die Schwerkraft aufgehoben. In Lasuren trägt er die Farbe auf. Virtuos, Schicht für Schicht durchkreuzen elastische Liniengeflechte die Ebenen, verflechten die Malschichten und lassen tief gestaffelte Bildräume von großer Bewegtheit und aquarellhafter Leichtigkeit entstehen. Feinnervige Linien umspinnen bizarre Fassaden. Spannungsgeladen spielen tiefe Straßenschluchten ineinander – Raum und Fläche werden verwoben, öffnen und verschließen sich. Die Stadt wird zum Kaleidoskop.
Seine schlacksigen Figuren, die sich nach eigengesetzlicher Dynamik aus jeder Umklammerung zu lösen wissen, forcieren den Kontrast, drängen getrieben nach vorne, den Bildrändern entgegen oder entschweben. Lockend oder suchend strecken sie ihre langen Arme und dünnen Finger aus. Thitz Gestalten leben in beständiger Metamorphose. Der Künstler entwickelte einen eigenen Figurentypus, ein Menschenbild. Seine piktogrammartig verkürzten Figuren – ein Stilmittel, das wir aus Comic und Design kennen – vermitteln vermeintlich beschwingte Frische - die beschwingte Frische prosperierender Metropolen? Manche scheinen ausgelassen und heiter, sind weniger ausgeführt als „aufgerufen“, gesampelt, den schnellen Schnitten von Werbespots vergleichbar. Sie schweben lautlos, stürzen oder lärmen wie eine ausgelassene Horde durch die Bilder, völlig in Einklang – so scheint es - mit dem Wachstum des Großstadtdschungels, der sie umgibt. Entwaffnend ist das Ungezwungene ihrer Haltung, die lapidare Direktheit ihrer Erscheinung. Glaube, Liebe, Hoffnung, Love, Spirit, Philosophy, Amor: schreibt Thitz auf seine Gemälde. Wozu? Er ist ein hellwacher Maler. Die Wirklichkeitsbereiche, die er in seinen Bildern miteinander verknüpft, bezeichnen das Spannungsfeld zwischen äußerer Realität und innerer Welt – Welt der Wünsche, Ängste, Träume und Verheißungen. Die von ihm eingefügten Worte scheinen auf den ersten Blick nicht der Konsumwelt entnommen: kann man Liebe kaufen? Es kommt zu einer surrealen Brechung, die doch einer Wirklichkeit entspricht: Text ist überall, auch im Stadtbild, in welchem ein verheißungsvolles Waren- und Wortangebot den gesunden Maßstab für wichtig und unwichtig längst verloren zu haben scheint. Thitz Worte blitzen auf wie schrille Leuchtreklamen oder entweichen organisch der Bildtiefe, durchdringen gleich biomorphen Adern abgründig die Szenerie. Durch das engmaschige, undurchsichtige Netz von Worten werden Architektur und Mensch untrennbar miteinander verwoben.
New York, Paris, Berlin, Venedig – von der Großstadtarchitektur sehen wir nur Versatzstücke. Die Ortsbezüge sind codiert. Dem Künstler geht es nicht um Sehenswürdigkeiten, prägnate Motive oder wiedererkennbare Stadtpläne. Statt dessen bestimmen Rhythmus und ornamentale Prinzipien – Spiegelung, Reihung, Wiederholung - die Komposition. Uneinheitliche Perspektive und mehrseitige Ausrichtung sind Kennzeichen seiner Bilder. Thitz Visionen der Großstadt breiten sich – infiziert, so scheint es, durch die Medienwelt – explosiv über die Bildfläche aus, ohne die Bildgrenzen zu beachten, den „pop ups“ der Internetwerbung vergleichbar. Thitz ist, so glaubt man, fasziniert von der anarchischen Geometrie moderner Städte und der spezifischen Romantik des modernen Lebens. Ein Atem der Sehnsucht entströmt dem Häusermeer, den grellbeleuchteten Straßen, durch die die Menschen suchend und lachend irren. Thitz schildert das Abenteuer Großstadt, den Wahnsinn der Simultaneität unübersehbaren Geschehens, schildert Blicke, die sich suchen, Blicke, die sich verfehlen, Hände, die sich finden. Das all-over seiner subversiven, hochelastischen Pinselzeichnungen erinnert an Grafitti, eine Kunst, die in vermeintlich flüchtiger Hast heimlich an die Mauern des öffentlichen Raumes geworfen wurde. Seine Linien, die sich dynamisch aufblähen und wieder verjüngen, schildern synästhetisch das apokalyptische Nervensystem der Stadt, labyrinthisch, launisch, laut und voller fremder Gerüche. Doch gibt es gerade hier flüchtige Begegnungen voller „Verheißung“, romantischen Nebel über Manhattan und Paris, verwunschene Algen und geheime Zeichen im Wasser der Lagune, „amor“ und eine Tüte im Wind... In Thitz sympathischen Suchbildern, in all diesen Schnitten, Knoten und Collagen aus vermeintlich chaotischen Linien kommt, bei genauer Betrachtung, ein geistiger Ort zum Vorschein, der die Träume dieser Metropolen, ihr utopisches Potential reflektiert, das den Künstler antreibt.
Thitz metaphorisches Spiel, seine geradezu plastischen Visionen der Stadt als Ort der Verheißung enthüllen Mäander einer zutiefst poetischen Phantasie. Er, der es ablehnt, ausgefahrenen Gleisen der Tradition zu folgen, sehnt sich danach, frei von den Attitüden des Kunstmarktes, aus der Kunst - und der Stadt – ein Erlebnis des Staunens zu machen.
Frau Ricarda Geib, Eröffnung der Ausstellung Bag Art Global - Tüten und Kunst in der städtischen Galerie für Kunst , Schorndorf Juli 2009
Text im Buch Wundertüte über das Bild "London the Future is now" 2010
„The Future is now”Unergründlich sind die schattigen Tiefen der Themse, ein sattes Nachtblau tränkt den Wasserspiegel am Kai der Docklands. Blaue Schatten, blaue Stunde — Farben dringen ein, tief wie Gerüche. Blau ist die Farbe von Himmel und Abgrund, Farbe des Wunderbaren, Farbe der Ferne und des Begehrens — Farbe der Erkenntnis. Sanft und silbrig schimmert die Luft über dem stillen Wasserspiegel, das ausgewaschene Blau der vibrierenden Atmosphäre entgrenzt den Bildraum, amorphe Blautöne rücken Londons Horizont in beunruhigende Ferne. Blau markiert den Sog der Sehnsucht.
„Denn alle Wasser sind über die Ufer getreten, die Flüsse haben sich erhoben, die Seerosen sind gleich hundertweis erblüht und (hundertweis) ertrunken“, berichtet Ingeborg Bachmann in ihrer Erzählung „Undine geht“. Nach einem Jahrhundert der Katastrophen und Überschwemmungen hat sich die Themse dem Meer geöffnet. Thitz ́ Vision einer Wasserstadt im ehemaligen Londoner Hafen, das 2010 abge- schlossene großformtige Acrylgemälde „The future is now“, beschreibt ein morbides Szenario in Blau mit irritierenden Lockungen. Erzählt Thitz von der Lust am Untergang? Nervöse Gestalten in elastisch biegsamen Körpern erkunden ihre Fluchtburgen in den Türmen des alten Hafens. Im Becken treibt, fern einer kleinen braunen Designertüte, Ophelia — Femme fragile, Femme fatale, bedrängt von Fish & Chips, wie eine letzte Blüte der Stadt, wie eine „schmale Lilie, die das Wasser wiegt“ (Rimbaud). Mit suggestivem Pinselstrich modelliert Thitz eine Vision, ein futuristisches Profil der Docklands mit ihren Speichern, Atrien, poppigen Luxus-Appartements und Hightech-Palästen an der Skyline. Thitz zeigt Bauten aus Marmor, Glas und Stahl, manches im Maßstab effektvoll übersteigert. Als steile Diagonale schieben sich schwere Brückenpfeiler mitten ins Bild und verwandeln die Metropole London zur bizarren Wasserstadt, zur irren City des dritten Jahrtausends — mit Tower Bridge und der Kuppel von St. Paul’s im Off.
In unsere Taschen stecken wir Dinge, die uns wichtig sind, die wir behalten, vielleicht auch verbergen wollen. Tüten nehmen wir in die Hand, nehmen wir mit. Mit der Tüte sind wir mobil. Tüten sind Kult- gegenstände, Prestigeobjekte, erzählen von sozialem Status und Interessen des Trägers. Thitz klebt Tüten auf die nackte Leinwand. Seine Gemälde sind Collagen von besonderem Materialreiz. Tüten aus aller Welt liegen unter seinen Stadtlandschaften, in immer neuen Übermalungen entfaltet sich ein faszi- nierend assoziatives Gedankengeflecht zwischen Tüten und Malerei. Henkel durchbrechen die Lein- wand, stehen im Bild oder ragen über die Leinwand hinaus. Henkel scheinen überall griffbereit, als seien die Gemälde selbst Tüten. In dieser Koppelung von scheinbar nicht Zusammengehörendem entstehen neue Bilder der Stadt, ambitionierte Bilder jenseits einer äußerlich sichtbaren Wirklichkeit, Bilder, in denen Gefühle, Ahnungen, Spannungen und Stimmungen herausgefiltert werden. Thitz reist gerne. Ein Tütensammler. In seinen Gemälden jedoch rückt die Welt zusammen. Statt Panoramen aufzuzeigen, zerlegt Thitz die enigmatischen Ansichten in visuelle Bruchstücke und entlockt den Metropolen Momente beunruhigender Schönheit. Manchmal sind Orte mit Erinnerungen verknüpft. Man glaubt, es bliebe etwasvon unseren Hoffnungen und Gedanken an den Mauern, an den Wänden haften, als bräuchte die so wenig greifbare Erinnerung einen Ort, an dem man sie aufsuchen kann. Etwas von dieser Flüchtigkeit unseres Lebens ist in den vibrierenden Kompositionen von Thitz enthalten. Seine Malerei scheint fieberhaft, mit aufreizender Farbe fixiert er Gesten und Bewegungen, die sich entladen und die Skyline aus den Angeln heben. Die Leinwand wird zum Tatort der Malerei, im dramatisch pulsierenden Vor und Zurück seiner Pinselstriche fallen traditionelle Koordinaten — etwa oben und unten, rechts und links — in sich zusam- men. In Thitz ́ Bildern scheint die Schwerkraft aufgehoben. In Lasuren trägt er die Farbe auf. Virtuos, Schicht für Schicht, durchkreuzen elastische Liniengeflechte die Ebenen, verflechten die Malschichten und lassen tief gestaffelte Bildräume von großer Bewegtheit und aquarellhafter Leichtigkeit entstehen. Feinnervige Linien umspinnen bizarre Fassaden. Spannungsgeladen spielen Abgründe ineinander — Raum und Fläche werden verwoben, öffnen und verschließen sich. London wird zum Kaleidoskop. An den Fassaden der Stadt ergänzen sich Gelb und Orange zu einer Apotheose des Lichts und der Wärme. Draußen auf dem Meer wird es kalt. Im Dialog zwischen Natur- und Kunstlicht entfaltet Thitz die unfass- bare Flüchtigkeit der „blauen Stunde“.
„Peace“, „Spirit“, „Wisdom“ und „Future“ schreibt Thitz auf sein Gemälde. Wozu? Wir finden Worte im Wasser, ein Ziffernblatt am Himmel: „Time“. Die Wirklichkeitsbereiche, die Thitz in seinen Bildern mitein- ander verknüpft, bezeichnen das Spannungsfeld zwischen äußerer Realität und innerer Welt — Welt der Wünsche, Ängste, Träume und Verheißungen. Die von ihm eingefügten Worte scheinen auf den ersten Blick nicht der Konsumwelt entnommen: Kann man Frieden, kann man Zeit kaufen? In „The future is now“ kommt es zu einer surrealen Brechung, die doch einer Wirklichkeit entspricht: Text ist überall, auch im Stadtbild, in welchem ein verheißungsvolles Waren- und Wortangebot den gesunden Maßstab für wichtig und unwichtig längst verloren zu haben scheint. Thitz ́ Worte blitzen auf wie schrille Leuchtreklamen oder entweichen organisch der Bildtiefe, durchdringen gleich biomorphen Adern abgründig die Szenerie. Durch das engmaschige, undurchsichtige Netz von Worten, die Himmel und Themse tätowieren, werden Mensch und Stadt untrennbar miteinander verwoben.
Thitz überzieht das neue London mit einem Fluidum, einem verwunschenen „Sfumato“. Meisterhaft modelliert er das Licht, sensiblen Farbspielen entweicht ein strahlendes Leuchten. Farbe überflutet bisweilen malerisch ganze Bildbereiche, lose Pinselstriche unterbrechen die Bewegung, schaffen zeitliche Initialen — gleichen stehenden Sekunden. In einem schmalen Spektrum rangiert die Mehrheit der Tönungen und gerade diese Beschränkung verleiht „The future is now“ eine zarte Helligkeit und luftige Weite, die das dunkle Gewicht der mächtigen Architekturen nicht leugnet. Dinglich schwer bleiben die tiefen Schatten der wuchernden Stadt. Durch die gesteigerte Riesenhaftigkeit der schwarzen Industriekulisse wird offenbar, was Turner die „ganze Kleinheit des Menschen“ genannt hatte, im physischen und moralischen Sinne. London, Paris, Berlin, Venedig — von den Highlights der Großstadtarchitektur sehen wir nur Versatzstücke. Thitz ́ Ortsbezüge sind codiert. Dem Künstler geht es nicht um prägnante Motive oder wiedererkennbare Stadtpläne. Statt dessen bestimmen Rhythmus und ornamentale Prinzipien — Spiegelung, Reihung, Wiederholung — die Komposition. Uneinheitliche Perspektive und mehrseitige Ausrichtung sind Kenn- zeichen seiner Bilder. Thitz ́ Visionen der Metropole breiten sich — infiziert, so scheint es, durch die Medienwelt — explosiv über die Bildfläche aus, ohne die Bildgrenzen zu beachten, den „Pop-ups“ der Internetwerbung vergleichbar. Thitz ist, so glaubt man, fasziniert von der anarchischen Geometrie expand- ierender Städte und der spezifischen Romantik des modernen Lebens. Ein Atem der Sehnsucht entströmt dem Häusermeer, den grellbeleuchteten Straßen, durch die die Menschen suchend und lachend irren. Thitz schildert das Abenteuer Großstadt, den Wahnsinn der Simultaneität unübersehbaren Geschehens, schildert Blicke, die sich suchen, Blicke, die sich verfehlen, Hände, die sich finden. Das All-over seiner subversiven, hochelastischen Pinselzeichnungen erinnert an Grafitti, eine Kunst, die in vermeintlich flüchtiger Hast heimlich an die Mauern des öffentlichen Raumes geworfen wurde. Seine Linien, die sich dynamisch aufblähen und wieder verjüngen, schildern synästhetisch das apokalyptische Nervensystem der Stadt, labyrinthisch, launisch, laut und voller fremder Gerüche. Seine schlacksigen Figuren, die sich nach eigengesetzlicher Dynamik aus jeder Umklammerung zu lösen wissen, forcieren den Kontrast, drängen getrieben nach vorne, den Bildrändern entgegen oder entschweben. Lockend oder suchend strecken sie ihre langen Arme und dünnen Finger aus. Thitz entwickelte einen eigenen Figurentypus, ein Menschenbild. Seine piktogrammartig verkürzten Figuren — ein Stilmittel, das wir aus Comic und Design kennen — vermitteln vermeintlich beschwingte Frische, die beschwingte Frische abgründig prosperieren- der Metropolen. Manche scheinen ausgelassen und heiter, andere ungelenk, sind weniger ausgeführt als „aufgerufen“, gesampelt, den schnellen Schnitten von Werbespots vergleichbar. Sie schweben laut- los, stürzen oder lärmen wie eine ausgelassene Horde durch die Bilder, völlig in Einklang — so scheint es — mit dem Wachstum des Großstadtdschungels, der sie umgibt. Entwaffnend ist das Ungezwungene ihrer Haltung, die lapidare Direktheit ihrer Erscheinung. Doch gibt es gerade hier flüchtige Begegnungen voller „Verheißung“, verwunschene Algen und geheime Zeichen im Wasser des Hafens, „peace“ und eine Tüte im Wind ... In Thitz ́ sympathischen Suchbildern, in all diesen Schnitten, Knoten und Collagen aus vermeintlich chaotischen Linien kommt bei genauer Betrachtung ein geistiger Ort zum Vorschein, der die Träume dieser Metropolen, ihr utopisches Potenzial reflektiert, das den Künstler antreibt.
Thitz ́ metaphorisches Spiel, seine geradezu plastischen Visionen der Stadt als Ort der Verheißung enthüllen Mäander einer zutiefst poetischen Fantasie.
Ricarda Geib, Stuttgart März 2010 Text im Buch Wundertüte über das Bild "London the Future is now" 2010



